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Die Hoffungszeichen aufgreifen

Der neu ernannte Bischof von Innsbruck, Manfred Scheuer, im Kirchenzeitungsinterview
Ausgabe: 2003/44, Scheuer, Bischof, Jägerstätter, Hoffnung, Innsbruck
28.10.2003
- Hans Baumgartner
Manfred Scheuer, Diözesanpriester aus Oberösterreich und Theologieprofessor in Trier, wurde zum Bischof von Innsbruck ernannt. Die Kirchenzeitung sprach mit ihm.

Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie für das Bischofsamt in Innsbruck angefragt wurden?

Scheuer: Zunächst war ich einmal sehr überrascht. Dann hab ich wirklich ein Stunde der Stille und des Gebetes gebraucht, um diesen Gedanken an mich heranzulassen. In den folgenden Tagen und Nächten haben mich dann viele Fragen beschäftigt: Ob ich auch die Voraussetzungen für dieses Amt mitbringe, ob ich einen Draht zu den Tirolern/-innen finden werde, ob das der Weg ist, den Gott mir zugedeacht hat? Unterm Strich aber habe ich dann, bei allen Unsicherheiten, mit Zuversicht und Freude Ja gesagt.

In der Wahrheit lebenGibt es für Sie Vorbilder für Ihr Leben und Ihr neues Amt?

Scheuer: Ein Vorbild im Glauben ist für mich Franz Jägerstätter, der in der damaligen Zeit klar erkannt hat, was der Wille Gottes ist und was Barbarei. Ein weiteres Vorbild ist Ignatius v. Loyola, dessen Exerzitien ich sehr schätze. In ihnen geht es, wie bei Jägerstätter, stark um die Unterscheidung der Geister. Gerade in einer Zeit, in der so vieles beliebig und gleich-gültig geworden ist, scheint mir die Unterscheidung der Geister, dieses entschlossene Fragen nach dem Willen Gottes besonders wichtig zu sein – auch für das Leitungsamt in der Kirche.

Wie sind Sie auf Jägerstätter gekommen?

Scheuer: Ich habe mich viel mit Franz Jägerstätter und auch anderen Märtyrern unserer Zeit befasst – zunächst aus persönlicher Betroffenheit, später auch als Verantwortlicher (Postulator) für das Seligsprechungsverfahren von Jägerstätter. Das sind Menschen, die sich im Angesicht Gottes die Frage nach ihrem Weg gestellt haben. Menschen, die mich lehren, was es heißt, in der Wahrheit zu leben, die es abgelehnt haben, sich auf faule Kompromisse und Lügen einzulassen. Jägerstätter ist ein Vorbild, was es heißt, die Liebe Gottes, das Ja Gottes zum Menschen, zu seiner Würde und zu seinen Rechten zu bezeugen.

Als Wissenschaftler haben Sie sich besonders mit „spiritueller Theologie“ befasst. Worum geht es da?

Scheuer: Spiritueller Theologie, so wie ich sie sehe, geht es zunächst darum, wie der Mensch sein Leben aus dem Glauben deuten kann, wie er im Alltag Gott finden kann. So waren zum Beispiel ein Schwerpunkt meiner Arbeit die so genannten „evangelischen Räte“, wie sie die Ordensleute in ihren Gelübden versprechen: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Ich halte das für Grundhaltungen menschlichen Lebens, die für jeden Christen – und Menschen – bedeutsam sind. Nicht, dass jeder besitzlos und arm wie eine Kirchenmaus leben muss. Die Frage ist vielmehr, wie weit wir unser Tun und Leben vom Haben und Habenwollen in Beschlag nehmen lassen. Oder Gehorsam – das meint ja auch, wie weit wir bereit sind, auf andere hinzuhören, auf ihre Meinung, aber auch, auf ihre Bedürfnisse und Nöte einzugehen. Der Keuschheit schließlich liegt eine Haltung zugrunde, die eine offene Begegnung zwischen Menschen erst ermöglicht, weil sie nicht danach trachtet, den anderen zu verzwecken, zu gebrauchen oder zu vernaschen.

Die Glut weitergeben


Wie sehen Sie die Situation der Kirche, über die ja – aus unterschiedlichen Gesichtspunkten – oft gejammert wird?

Scheuer: In der Kirche erlebe ich heute nebeneinander Aufbrüche und Einbrüche. Es gibt eine neue religöse Suche. Spiritualität ist wieder gefragt, auch wenn das die Menschen nicht gleich in die Kirche führt. Diese Entwicklung möchte ich offen anschauen und aufgreifen, was daran gut ist. Ich erlebe auch, wie die bisherige Sozialgestalt der Kirche in manchen Gemeinden überlebt und in anderen nicht, ohne genau sagen zu können, woran es liegt. Hoffnung machen mir Aufbrüche wie die Gemeinschaft von Sant’Egidio in Rom, die einerseits aus einer starken liturgisch-mystischen Kraft lebt und andererseits die soziale und politische Dimension des Glaubens sehr ernst nimmt. Sie arbeitet mit Aidskranken, Flüchtlingen und Obdachlosen und engagiert sich sehr konkret für Frieden und Gerechtigkeit.

Wichtig scheint mir heute, dass es genügend Orte der Gastfreundschaft gibt, wo Suchende mitfeiern und mitleben können. Ich hoffe auch, dass sich immer wieder besondere Zeugen finden, die an ausgesetzte Stellen der Gesellschaft gehen und dort leben.

Daneben wird es auch ein Weiterleben der Volksfrömmigkeit geben – mit unterschiedlicher Distanz und Nähe zum Jesusgeheimnis oder zur Kirche. Wir sollten diese Freiheit der Menschen achten, und jede/n, die/der auch nur ein Stück mit uns gehen will, annehmen. Andererseits braucht es auch Menschen mit großer Treue und Verbindlichkeit, damit die Glut weitergegeben wird. Ich möchte die Hoffnungszeichen aufgreifen und mich von Einbrüchen nicht entmutigen lassen.Dagegen aufstehen.In seinem neuen Dokument über das Bischofsamt ruft der Papst zum Einsatz für Friede, Gerechtigkeit und Umwelt auf.

Wie wichtig ist ihnen das?

Scheuer: Diese Bereiche sind mir ein großes Anliegen. Über Jägerstätter hatte ich immer wieder Kontakte mit Pax Christi. In Tirol ist die Frage des Schutzes des Lebensraumes besonders aktuell. Was heißt das, wenn die globale europäische Gesellschaft ein Land einfach als Parkplatz oder Durchzugsstraße beansprucht. Da muss man dagegen aufstehen. Die Verbindung von Glaube, Frömmigkeit und sozialem Engagement an kritischen Brennpunkten scheint mir für die Kirche von heute besonders wichtig zu sein.

Die Bischofsweihe ist am 14. Dezember.
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