Kinder - Männer – Positionen: Auf der Suche nach dem idealen Platz
Ausgabe: 2003/45, Kinder, Männer, Geschwister, Streit, Eltern, Zöllner-Breusch, Familie
04.11.2003
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Wenn das die Nachbarn wüssten, wie es bei uns zugeht, denken Eltern und machen schnell die Fenster zu, wenn es wieder einmal heiß hergeht in den eigenen vier Wänden. Keine Sorge. Die Nachbarn wissen es – falls sie Kinder haben, ohnehin selbst.Familienleben wird zur Belastungsprobe. Allein zu wissen, dass Streiten äußerst positive Erfahrungen für die Kinder bringt, tut schon gut. Rivalität unter Geschwistern ist kein Zeichen schlechter Erziehung, meint die Psychologin Ulrike Zöllner-Breusch im Gespräch mit der Kirchenzeitung. Sie erstreiten sich ihren eigenen Platz in der Familie. Wer Streiten nicht zulässt, nimmt damit den Kindern eine Entwicklungschance.
Mehr als früher wird auch die Rolle der Väter in diesem Ausstreiten der Positionen gesehen. Der Anteil der Männer, die ihre Familie nicht nur „ernähren“, sondern auch partnerschaftlich gestalten wollen, ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen.
Zum Streiten Gernhaben
Geschwisterkonflikte sind eine Frage der „Rangordnung“ in der Familie
Jonas (3 J.) und Christian (6 J.) liegen sich in den Haaren. Und das den ganzen Tag. Die Mama ist mit den Nerven am Ende. „Jetzt sei endlich mal vernünftig und hör‘ auf“, sagt sie etwas forsch zum Älteren.Christian beginnt zu weinen, der jüngere Bruder kuschelt sich eng an Mama. Für fünf Minuten herrscht Stille, dann geht der Bruderzwist von Neuem los. Was läuft hier falsch?, fragen sich die entnervten Eltern. Wenn Jonas mit dem Traktor spielt, und Christian ihm diesen recht unsanft wegnimmt, ist das nicht ein Zeichen dafür, dass sich die beiden hassen – so deutet die Psychologin Ulrike Zöllner-Breusch die Situation. Die Psychologin ist selbst Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und hat hautnah miterlebt, was die Eltern von Christian und Jonas manchmal verzweifeln lässt.
Worum geht‘s, wenn Kinder streiten? Zöllner-Breusch:„ Das größere Kind will beim Spielen seine altersmäßige Dominanz zeigen nach dem Motto ‚Ich bin der Ältere und ich habe die Macht, ich kann mir das erlauben!‘“ Eltern sollen in dieser Situation ausgleichend wirken. Schuldzuweisungen wie „der eine ist lieb, der andere fängt immer wieder an“ verschärfen den Konflikt. „Geschwisterrivalität ist kein Zeichen für fehlgeschlagene Erziehung oder für den schlechten Charakter eines Kindes“, beruhigt die Psychologin verunsicherte Eltern.Ohnmächtig müssen aber weder Papa noch Mama die Duelle ertragen. Gute Erfahrungen hat die Psychologin mit folgenden Lösungsansätzen gemacht: Vorzubeugen und die Rolle des Älteren attraktiv zu machen.
Später ins Bett
– Vorbeugen heißt, das Kind von der Forderung, immer verständnisvoll und reif sein zu müssen, zu entlasten. Wer ständig die Vernünftigkeit des Älteren ins Spiel bringt, verstärkt die Rückkehr zu kindlichem Verhalten aus Eifersucht. Denn was hat der Große davon, groß zu sein? Er wird ständig getadelt, als Vorbild hingestellt und muss immer Rücksicht nehmen.
– Hilfreich ist, die Rolle des Größeren mit besonderen Kompetenzen auszustatten, damit „Groß-sein“ auch positive Aspekte hat. „Eine Möglichkeit wäre, eine andere Schlafenszeit einzuführen. Der große Bruder darf 15 Minuten später ins Bett gehen als der kleine“, schlägt die Psychologin vor.
– Es bewährt sich, Spielecken und Räume zu schaffen, in denen die Geschwister ein bis zwei Stunden getrennt voneinander spielen können.
– Der Wechsel von Drinnen nach Draußen tut gut, auch der Kontakt mit anderen Kindern entschärft und lenkt die Geschwister voneinander ab.
Geschwisterkonflikte können trotz vorbeugender Maßnahmen nicht vermieden werden – und sollen es auch nicht:„Geschwister haben eine Beziehung, der sie nicht ausweichen können. Streit ist normal: Geschwister haben sich zum Streiten gern. Harmonierungswünsche sind fehl am Platz. Es gibt keine Nähe, die konfliktfrei ist.“, sagt Zöllner-Breusch und meint weiter: „Kinder müssen sich aneinander reiben, um sich eigenständig entwickeln zu können. Geschwisterrivalität hat einen Lerneffekt. Die Kleinere merkt, dass der größere Macht hat und will das auch. Das ist ein Ansporn für seine Entwicklung“, sieht sie Geschwisterrivalität durchaus positiv.
Elisabeth Leitner
Am 22. November wird Prof. Dr. Ulrike Zöllner-Breusch zum Thema: „Rivalität und Eifersucht zwischen Geschwistern. Was können Eltern tun?“ einen Kurs im Bildungshaus Puchberg, Wels, halten (9 bis 16.30 Uhr). Info und Anmeldung unter: Tel. 07242/465 58.