Karl Rahner zum 100. Geburtstag – Erinnerungen an den großen Theologen des 20. Jahrhunderts
Ausgabe: 2004/10, Rahner, Theologen
03.03.2004
Am 5. März 1904 wurde er in Freiburg im Breisgau geboren, am 30. März 1984 verstarb er in Innsbruck – P. Karl Rahner. 30 Jahre hat er in Österreich gelebt und als Lehrer, Theologe und Seelsorger gewirkt. Klaus Egger erinnert sich.
Mein drittes Studienjahr habe ich in Löwen (Belgien) verbracht, wo damals, ähnlich wie in Innsbruck, Studenten aus „aller Herren Länder“ inskribiert waren. Eines Tages fragt mich einer von ihnen, woher ich komme. Auf meine Antwort: „Aus Innsbruck“, kam der Ausruf: „Ah, Innsbruck, c est Rahner et Jungmann“. Da wusste ich: die Brüder Karl und Hugo Rahner und auch P. Jungmann waren schon damals (1955/56) weit über unsere Fakultät hinaus bekannt. Erstaunt war ich dann, als mir ein Theologiestudent aus Kalifornien erzählte, dass er zwei Jahre lang mit Karl Rahner korrespondiert hat.
Die erste Vorlesung
Bald schon konnte ich selbst die Erfahrung machen, dass sich Rahner nicht zu gut war, auch mit „Anfängern“ ins Gespräch zu kommen. Es war im Oktober 1956. Mit vielen anderen Studenten stieg ich die zwei Treppen in der Innsbrucker Theologischen Fakultät hinauf, um die erste Vorlesung bei P. Rahner zu besuchen. Er ging vor dem Hörsaal auf und ab. Wie ich ihn grüße – ich hatte ihm des öfteren in der Kapelle des Jesuitenkollegs ministriert – wendet er sich mir zu und fragt, wie es mir gehe. Ich erzähle ihm von meinem Studienjahr in Belgien, worauf er ganz unvermittelt sagt: „Ich schreibe im Moment gerade an einem Artikel über die Urgeschichte der Bibel und möchte Sie fragen, ob Sie dazu französische Literatur kennen." Überrascht von dieser Frage konnte ich doch zwei einschlägige Artikel nennen. Was mich dabei beeindruckt hat: Karl Rahner traut auch einem „kleinen Studenten“ etwas zu.
Nach dieser Begegnung konnte ich Karl Rahner zum ersten Mal in einer Vorlesung erleben. Ich sage bewusst „erleben“ und nicht einfach „hören“. Verstanden habe ich damals vermutlich wenig, und trotzdem, schon diese erste Vorlesung war ein Erlebnis. Was wir dann in zwei Semestern gehört haben, möchte ich im Rückblick mit dem Psalmvers umschreiben: „Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war“ (Ps 4, 2).
Aufgewachsen war ich mit der damals üblichen Vorstellung: Der Weg zum Himmel ist ein schmaler Pfad, der Weg ins Verderben eine breite Autobahn. Welche Befreiung war der Hinweis Rahners auf ein Urwort der Bibel: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden“ (l Tim 2, 3).
„Gott liebt die Menschheit und jeden einzelnen Menschen mit einem Ernst, der allen irdischen Ernst in den Schatten stellt. Gott will, dass unser Leben gelingt!“ Das waren aber nicht bloß schöne Worte, denn gleich anschließend wurde von Rahner die Frage gestellt: „Ist es nicht so – so habe ich damals mitstenographiert – als ob die ganze Welt mit all ihren Schrecklichkeiten auf der einen Seite stehen würde und auf der anderen Gott mit seinem Wort, dass er die Rettung aller Menschen wirklich will?“ Und dann: „Dieses Heil der Welt aber ist nicht etwas, das man einfach feststellen kann, nicht etwas, was jeder merken kann. Die These spricht von etwas, was man Gott im Grunde nur abkaufen kann, nur hören und glauben kann, wenn man sich selbst in diesen Prozess des Heilwerdens hineinstellt. Denn dieses Heil ist nicht einfach da, es soll kommen.“Ja, Rahners Vorlesungen und Seminare waren eine Einweisung in diesen Glaubens-Prozess.
Das Schweigen Rahners
Im Sommer 1982, nachdem Karl Rahner in seiner „Pension“ wieder nach Innsbruck gekommen war, haben wir einen Ausflug zum Kloster Marienberg (Vinschgau) gemacht. In der dortigen Krypta befindet sich ein großartiger Engelzyklus aus dem 12. Jahrhundert, der erst kurz vorher zur Gänze freigelegt worden war. Während der Führung wendet sich der Abt an P. Rahner: „Unsere Kunstexperten sagen, dass auf den Spruchbändern der Engel vor dem himmlischen Jerusalem nie etwas geschrieben stand. Könnten Sie dazu eine Erklärung geben?“ P. Rahner schweigt, selbst als ihn der Abt noch einmal fragt. Zwei Tage später schreibt Rahner einen Dankbrief: „Ihre Frage hat mich nach Innsbruck begleitet. Ich denke, es ist gut, dass die Spruchbänder weiß sind, denn in der Anschauung des weißen Lichtes, des unbegreiflichen Gottes muss man verstummen.“
Karl Rahner hat damit keine Erklärung abgegeben, aber er hat etwas von dem aufklingen lassen, was ihn zeitlebens zutiefst bewegt hat. In einem Gebet sagt er: „Dann, wenn einmal im Tod alles schweigen wird, … werde ich verstehen, was du mir schon immer gesagt hast: dich selber. Kein Menschenwort, kein Bild und kein Begriff wird mehr zwischen mir und dir stehen, du selbst wirst das eine Jubelwort der Liebe und des Lebens sein, das alle Räume meiner Seele füllt.“
Der Jesuit Karl Rahner zählt zweifellos zu den bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Am weltgeschichtlichen Ereignis des II. Vatikanums hat er als offizieller Mitarbeiter der Theologischen Kommission und als Berater von Kardinal König aktiv teilgenommen. Auch ein römisches Schreibverbot für seine Salzburger Katholikentagsrede von 1962 („Löscht den Geist nicht aus.“) konnte diese Arbeit nicht vereiteln. Papst Johannes XXIII. sorgte selber für die Rücknahme. In Innsbruck hat Rahner zwischen 1948 und 1964 Generationen von Priestern und Theologen geprägt. Einer von ihnen war Dr. Klaus Egger. Er erinnert sich für die Kirchenzeitung an Karl Rahner.
Dr. Klaus Egger ist Bischofsvikar für die Orden der Diözese Innsbruck. Zuvor lehrte er an der Pädak und war u. a. Generalvikar.