Vor 20 Jahren begann das Weizer „Pfingstwunder“ mit einem Jugendtreffen
Ausgabe: 2008/19, Pfingstvision, Neues Pfingsten, Mystik, Politik, Pfingstwunder, Jugendtreffen, moderne Kunst, Weg der Hoffnung, Solidarregion Weiz, Karl Rahner, Solidarität, Zulehner, Berger, Henri Boulad
07.05.2008
- Hans Baumgartner
Am kommenden Sonntag findet das 20. Weizer Pfingsttreffen statt. Damit erreicht ein dichtes dreiwöchiges geistliches, sozialpolitisches und künstlerisches Programm seinen Höhepunkt. Das Jubiläum wurde mit der Einladung zu einem „Weg der Hoffnung“ in ein „Neues Pfingsten“ eröffnet.
In den Osterferien 1988 machte sich Fery Berger, Jugendleiter im oststeischen Weiz, gemeinsam mit Kaplan Günther Zgubic und zwölf Jugendlichen auf den Weg ins Bildungshaus Johnsdorf. Die Meditationstage wurden zu einer starken Glaubenserfahrung für alle Teilnehmer/innen. Damit war der Funke gelegt für ein Feuer, das seither viele entzündet hat – und von dem Fery Berger hofft, dass es immer mehr zu einem Flächenbrand über die Landesgrenzen hinaus wird (siehe: Weg der Hoffnung).
Drei Säulen. „Schon beim ersten Treffen ging es uns um die Vision einer spirituellen, sozialen und gemeinschaftlichen Kirche, die den Menschen und der Welt von heute gerecht wird“, erinnert sich Berger. „Für die solidarische Erdung des Glaubens war damals nicht zuletzt das Charisma von Günther Zgubic verantwortlich“, meint Berger. Wenige Monate später ging dieser nach Brasilien, wo er seit vielen Jahren als Gefängnisseelsorger wirkt. „Er begleitet in großer Freundschaft bis heute unseren Weg“, freut sich Berger. „Und was wir an ihm lernen durften, wurde uns zum vielfach bestätigten Leitspruch: Je spiritueller, desto solidarischer“.
Der Aufbruch. Die Meditationswoche wurde zum Anstoß für eine intensive Jugendarbeit in Weiz. Daraus entstand auch die Idee für ein Jugendtreffen zu Pfingsten 1989. Die Katho-lische Jugend (KJ) der Diözese Graz griff die Initiative auf und organisierte in Weiz ein gesamtsteirisches Pfingsttreffen mit 2000 Teilnehmer/innen. „Das starke Erlebnis ermutigte uns, in den folgenden Jahren die Pfingst- treffen auf lokaler Ebene weiterzuführen“, erzählt Fery Berger. Ein Dutzend neuer Jugendgruppen entstand. In regelmäßig angebotenen Meditationstagen konnten viele Jugendliche prägende Glaubenserfahrungen machen. Daraus wuchs dann auch eine Reihe von sozialen Projekten. So enstand aus einem Arbeitskreis der Jugend der Verein „Christine lebt“, der heute mit 39 Beschäftigten und zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen in der Region wesentlich zu einer guten mobilen Betreuung und Integration von Menschen mit Behinderungen beiträgt. Die anfangs kleine Solidaritätsgruppe Axé zur Unterstützung der Gefängnisseelsorge von Günther Zgubic bringt heute jährlich 80.000 Euro auf.
Visionen. 1995, im Jahr der großen Kirchenturbulenzen in Österreich, sorgte die „Weizer Pfingstvision“ für landesweites Aufsehen. Die zehn – mehr als Selbstverpflichtung denn als Forderung gedachten – Punkte „für einen Aufbruch in der Kirche“ wurden von manchen als Konkurrenzunternehmen zum Kirchenvolks-Begehren gesehen. „Das war von uns keineswegs beabsichtigt und hatte auch einen ganz anderen Ansatz“, meint Fery Berger. „Unsere Arbeit ist geprägt von einer Vision zur Erneuerung von Kirche und Gesellschaft, die wir in konziliaren Basisprozessen schrittweise umzusetzen versuchen.“ So entwickelte sich aus dem Pfingsttreffen auch das mehrwöchige „Pfingstereignis“ mit spirituellen, sozial- und gesellschaftspolitischen sowie künstlerischen Akzenten. In einer „konziliaren Nacht“ wurde die Idee für die Solidarregion Weiz geboren. Auch der „Weg der Hoffnung“ ist als konziliarer Prozess gedacht.
Zur Sache
Der Weg zu einem „Neuen Pfingsten“
1988: Die Geburtsstunde der „Weizer Pfingstvision“ bei einer Jugendmeditationswoche. Intensive Jugendarbeit beginnt.
1989: 1. Weizer Pfingsttreffen. Vision über Aufbruch in der Kirche wird formuliert.
1990: Die ersten Sozialinitiativen der Weizer KJ entstehen.
1993: „Bau meine Kirche wieder auf“ ist das Motto des Jugendtreffens. Prof. Paul Zulehner wird theologischer Begleiter.
1994: Die ersten Pastoralseminare zur Glaubensvertiefung für Erwachsene in Weiz (bisher 30).
1995: Als Reaktion der Basis auf die Kirchenkrise wird die Weizer Pfingstvision formuliert. Kardinal König ist der erste von 30.000 Unterzeichnern. In Weiz findet ein Pfarrkonzil statt.
1996: Aus dem Jugendtreffen wird das „Pfingstereignis“.
1999: Kardinal König formuliert in seiner Pfingstpredigt in Weiz die Vision von einem „Neuen Pfingsten“ in der Kirche. Sie wird so etwas wie das „Weizer Programm“.
2001: Im Zuge der Landesausstellung „Energie“ wird ein „spiritueller (Energie-)Weg“ von der Stadt Weiz zur Weizerbergkirche angelegt. Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern wird intensiviert (Pfingst-art).
2003: Die „Weizer Pfingstvision“ wird zu einer überregionalen Weggemeinschaft derer, die sich geistig zugehörig fühlen, aber kein neues „Movimento“.
2005: Die „Solidarregion Weiz“ als lokale Antwort auf die Globalisierung wird gegründet. 2008: 20. Weizer Pfingsttreffen. „Weg der Hoffnung“ beginnt.
Start für „Weg der Hoffnung“
„Wir leben in einer Zeit, wo es einfach notwendig ist, im Mut zum Neuen und Unerprobten bis zur äußersten Grenze zu gehen. Haben wir den Mut, uns zu sagen: Löscht den Geist nicht aus!“ Diese Worte des Theologen Karl Rahner beim Salzburger Katholikentag 1962, wenige Monate vor Beginn des Konzils, greift die Weizer Pfingstvision mit ihrem dreijährigen „Weg der Hoffnung“ auf.
Die Idee. „Angestoßen wurde dieses Projekt von unserem Freund, dem Jesuiten Henri Boulad. Der Mystiker und ehemalige Caritasdirektor von Nordafrika hat angesichts der epochalen Krise in der westlichen Kirche einen dreijährigen synodalen Prozess vorgeschlagen. Diese Idee kommt unseren Erfahrungen, wie Aufbruch in der Kirche geschehen kann, sehr nahe“, meint Fery Berger von der Weizer Pfingstvision. „Wir wollen einen tief greifenden Prozess der Erneuerung unserer Kirche und unserer Gesellschaft von der Basis aus beginnen – spirituell, solidarisch und in einem gemeinschaftlichen Weg. Unsere Vision ist ein Neues Pfingsten, wo der Geist Gottes eine Chance bekommt. Erstmals“, so Fery Berger, „gehen wir bewusst über den Kreis unserer bisherigen Sympathisant/innen hinaus und wenden uns an alle geistbewegten Menschen, Glaubende und Suchende, die sich der Krise in der Kirche und/oder der großen sozialen und globalen gesellschaftlichen Herausforderungen bewusst sind.“
Der Weg. Der „Weg der Hoffnung“ soll in mehreren Phasen ablaufen. Bis Jahresende können sich Interessierte anmelden. Die Vernetzung erfolgt über das Internet. Von 9. bis 11. Oktober 2009 findet das erste Treffen der „Weggefährt/innen“ zum Thema „Löschen wir den Geist nicht aus – Spiritualität“ statt. Die zweite Zusammenkunft im Oktober 2010 steht unter dem Motto „Solidarität“. Welche großen solidarischen Herausforderungen gibt es regional, national und global zu bewältigen. Welche politischen Initiativen und basispolitischen Erfahrungen gibt es und wie können sie gebündelt werden. Die Themen für das dritte und vierte Treffen werden aus dem Prozess heraus entwickelt. Der gemeinsame Weg mündet 2012, zum 50. Jahrestag des Konzilbeginns, in einem großen Treffen rund um den 11. Oktober. Im Vertrauen auf den Geist Gottes soll der Weg offen sein für Überraschendes und Unvorhergesehenes.
- Alle Informationen: www.pfingstvision.at
Im Blick
Solidarregion Weiz
Die „Solidarregion Weiz“ ist eines der spannendsten Projekte, das in der vergangenen Jahren aus der „Pfingstvision“ entstanden ist. Der Auslöser war die Gefährdung von 900 Arbeitsplätzen durch den Verkauf eines großen Betriebes der Region. „In einer konziliaren Nacht befasste sich daraufhin eine Gruppe der Teilnehmer/innen mit den globalen Abläufen von Wirtschaft, Politik und Kapitalmärkten und den ganz konkreten Folgen für eine Region. Daraus“, so Fery Berger, „entstand der Plan, Leute aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenzubringen und konkrete Projekte für einen solidarischen Zusammenhalt in der Region zu entwickeln.“
Es gelang, alle 54 Gemeinden des Bezirkes zur „Solidarregion Weiz“ zusammenzuschließen und zwölf ganz konkrete Projekte auszuarbeiten. „Zwei Drittel davon wurden bereits umgesetzt, der Rest ist auf einem guten Weg“, meint Organisator Fery Berger. Er nennt mehrere Beispiele:
- Die Volksbanken und Raiffeisenkassen gewähren günstige Kredite zur Unterstützung von Arbeitskräften über 50 Jahren. Die Bürger/innen können mit Solidarsparbüchern (weniger Zinsen) die Aktion mittragen.
- Die Koordination von Bauern und Geschäften zur verstärkten Direktvermarktung.
- Die Selbstverpflichtung, verstärkt regionale Waren zu kaufen. Ein eigenes „Solidarsiegel“ soll das erleichtern.
- Eine breite Informationskampagne der Eine-Welt-Läden für fair gehandelte Produkte.
- Unternehmen erstellen einen Solidarkatalog für nachhaltiges Wirtschaften.
- Solidargipfel zur Lage alter Menschen in der Region und Verbesserung der professionellen und ehrenamtlichen Altenarbeit.
- 50-prozentiger Umstieg auf erneuerbare Energie in der Region bis 2020 (gut angelaufen).