Weder die unendliche Weite des Meeres noch Wellengang und Sturm machen einem Segelfreund Angst, sondern die Flaute, der Stillstand – nichts geht mehr! Geduld und Vertrauen braucht es, bis der Wind wieder kommt. Manche Zeitgenossen sehen in der Kirche eine zum Stillstand gekommene Gemeinschaft. Das Vertrauen auf das Wehen des Geistes heißt nicht, tatenlos abzuwarten. Gut, wieder einmal Pfingsten zu feiern und sich Gottes Geist auszusetzen, der weht, wann und wo er will . . .
Evangelium
Joh 20, 19–23
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.
1. Lesung
Apg 2, 1–11
Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.
2. Lesung
1 Kor 12, 3b–7. 12–13
Und keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet. Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. [. . .] Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.
O Feuergeist, Lob sei dir
auf Pauken wirkst du und Zithern!
Die Herzen der Menschen erglühen vor dir,
die Zelte der Seelen, sie sammeln die Kräfte.
Der Wille steigt auf und erfüllet die Seele mit Lust,
die Sehnsucht, sie brennt ihr als Leuchte.
Die Einsicht ruft dich mit zärtlicher Stimme,
bereitet dir Tempel in Kraft der Vernunft,
die da um güldene Werke sich mühet.
Darum preisen dich alle Geschöpfe, sie leben aus dir,
denn du bist die kostbare Salbe für die gebrochenen Glieder
und eiternden Wunden, die du verwandelst in kostbare Gemmen.
Nun sammle uns alle in Gnaden zu dir und leite uns hin auf den richtigen Weg. Amen.
Hildegard von Bingen
Wort zum Sonntag
Lebendiges Wehen
„Ohne Wind geht nichts!“, antwortet ein segelbegeisterter Freund auf meine Frage, was ihm denn auf dem Wasser schlimmstenfalls passieren könnte. Nicht die grenzenlose Weite des Meeres, nicht Wellengang, nicht Sturm machen ihm Angst, sondern die Windflaute, der Stillstand. Sich nicht rühren können und bloß so dahinschaukeln, das ist das Schlimmste. Was hilft? Geduld und Vertrauen, dass irgendwann ein erstes Säuseln kommt, das zum Wind wird. Dann heißt es, rechtzeitig die Segel zu setzen. Auf persönlicher Ebene kennen wir diese Erfahrung: wenn unser Lebensfluss zum Stillstand kommt, wenn uns die Luft ausgeht, wenn wir aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen, dann sind wir auf eine Bewegung von außen angewiesen, um wieder Kurs aufnehmen zu können: eine helfende Hand, ein Mensch, der zuhört, ein Erlebnis, das Hoffnung schenkt. Im Blick auf die Kirche bescheinigen uns kritische Zeitgenossen eine zum Stillstand gekommene, allmählich aussterbende Gemeinschaft. Ob wir vielleicht manchmal selbst zu viel pusten und Wind machen? Noch mehr Anstrengungen, noch mehr Aktionen und Projekte, noch mehr Sitzungen, noch mehr Reden und Papiere! Doch wen und was bewegt das? Gut, wieder einmal Pfingsten zu feiern! Atem holen, uns Gottes Geist aussetzen, der weht, wann und wo er will, und nicht zu wissen, woher er kommt und wohin er geht. In der Bibel hat die Kraft Gottes immer mit Bewegung zu tun; sie führt aus der Enge in die Weite, macht lebendig und schafft neue Möglichkeiten. Das Vertrauen auf das Wehen des Geistes heißt nicht, tatenlos zu sein. Mein Segelfreund hat oft alle Hände voll zu tun, dass das Spiel mit dem Wind gelingt. Er braucht Ruhe und Gelassenheit, denn der Wind weht tatsächlich, wo er will. Der geübte Segler weiß: Auf den Wind ist Verlass, und dann geht es weiter! Ein getaufter und gefirmter Christ teilt diese Seglerweisheit – oder nicht?
Zum Weiterdenken
Ein Sprichwort sagt: „Wenn der Wind der Erneuerung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen!“ In welchem Geist bin ich unterwegs und baue mit?
Lioba Hesse tätig in Ausbildung und Berufsvorbereitung für die Laientheolog/innen der Diözese Feldkirch und als Erwachsenenbildnerin.