Sieben Päpste prägten in den letzten Jahrzehnten die Kirche und das Leben von Helmut Krätzl. In seinem neuesten, knapp vor seinem 85. Geburtstag (23. Oktober) erschienenen Buch setzt sich der emeritierte Wiener Weihbischof in einem persönlichen Rückblick mit dieser Epoche auseinander.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Kirche – zumindest in Westeuropa – in allen öffentlichen Bereichen präsent. Von Rom aus regierte Pius XII. (Pontifikat 1939–1958) absolutistisch die einzig „wahre Kirche“, nämlich die römisch-katholische. In dieser Zeit, in der neue Strömungen in Theologie und Philosophie ausgeklammert blieben, empfing Helmut Krätzl 1954 die Priesterweihe.
Neuorientierung
Die Enge der bisherigen Sichtweise wurde dem jungen Priester, und auch vielen seiner Amtsbrüder, erst durch den „Überraschungspapst“ Johannes XXIII. (1958–1963) bewusst. Bereits drei Monate nach seiner Wahl kündigte er ein Konzil an, durch das die Kirche ins „Heute“ kommen sollte. Die kulturellen und sozialen Veränderungen erforderten bereits dringend eine Neuorientierung. Für Krätzl, damals Zeremoniär von Kardinal Franz König, war es der erste Papst, dem er in einer Privataudienz persönlich begegnen durfte. Nach dem kurzen Pontifikat des Roncalli-Papstes hatte sein Nachfolger Paul VI. (1963–1978) den Mut, trotz Widerständen aus der Kurie, das Konzil weiterzuführen. Er war der erste Papst, der aus dem Vatikan hinaus in die Welt ging, die Öffnung zur Ökumene betrieb und Wege der Einheit mit der Ostkirche suchte. Trotzdem reduzierte ihn die Geschichte auf die Bezeichnung „Pillenpapst“. Krätzl schildert die Hintergründe, die den Papst zu seiner Enzyklika Humanae vitae bewogen hatten und deren Aussagen auf einem von nur vier Personen ausgesprochenen Sondervotum beruhten. Treibende Kraft war der damalige Kardinal von Krakau, Karol Wojtyla.
Anerkennung und Kritik
Wojtyla wurde nach dem plötzlichen Tod des „22-Tage-Papstes“ Albino Luciani als erster Pole zu dessen Nachfolger gewählt. Johannes Paul II. (1978–2005) war ein politischer Mensch, schrieb mutige Sozialenzykliken und trug sicherlich auch zum Fall des Kommunismus bei. Helmut Krätzl anerkennt sein Wirken für die Kirche nach außen, kritisiert aber, dass dieser Papst die Kirche nicht im Geist des Konzils weiterführte. Im Gegenteil, es verstärkten sich die Rückwärtstendenzen. Als der Papst 1983 erstmals nach Österreich kam, war Krätzl mit den Vorbereitungen für diesen Besuch betraut.
Neuer Weg in der Kirche
Auf den Papst aus Polen folgte der Deutsche Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. (2005–2013). Krätzl wohnte mit ihm während des Konzils in der „Anima“ in Rom und bewunderte ihn für seine fortschrittliche Theologie. Vermutlich hätte er es sich damals nie gedacht, dass er von Joseph Ratzinger, später Präfekt der Glaubenskongregation, wegen kritischer Äußerungen in von ihm veröffentlichten Büchern eine Vorladung nach Rom erhalten würde. Die Kehrtwendung Ratzingers kam bald nach dem Konzil. Die Gründe für sein späteres Handeln liegen sicher auch in der Diskrepanz zwischen der Sicht eines Gelehrten und den Anforderungen an einen Papst. Krätzl versucht dies anhand einiger Beispiele nachzuvollziehen.
Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien hat als Papst Franziskus seit 2013 nun die Geschicke der Kirche in einer von Unruhen geprägten Welt in der Hand. Noch ist die Zeit seines Pontifikates zu kurz um zu beurteilen, in welche Richtung die Kirche gehen wird. Was in seinen oft unkonventionellen Aussagen aber spürbar wird, ist, so Krätzl, die Sicht auf den Menschen in seiner Einmaligkeit in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu richten. Ein neuer Weg in der Kirche scheint sich anzubahnen.
Zeitzeuge
Jedes Pontifikat hatte seine Auswirkungen auf die Kirche von Österreich – von den Endlosverhandlungen des Konkordates bis zu den umstrittenen Bischofsernennungen. Der Autor verbindet gekonnt seine persönlichen Wahrnehmungen mit den historischen Fakten und ergänzt diese mit fundierter Hintergrundinformation. Zusätzliche Beiträge von Kardinal Karl-Josef Rauber, Bischof Alfons Nossol, Bischof Ivo Fürer von der St. Gallener Gruppe, und dem Publizisten Hubert Gaisbauer ergänzen das interessante Buch, das zum 85. Geburtstag des Zeitzeugens Helmut Krätzl erschienen ist. «