Ausgabe: 2010/20, Pfingsten, dem Menschen nahe, Evangelium, Taizé, Pfarrgemeinderatskongress, Ökumenischer Kirchentag, Impulse, Mariazell, Erneuerung der Kirche
Der Pfarrgemeinderatskongress in Mariazell und der Ökumenische Kirchentag von München waren die beiden kirchlichen Höhepunkte der letzten Woche. Von beiden Großereignissen sollten Impulse für eine erneuerte, menschennahe Kirche ausgehen. Der Wille ist da, erstarrte Strukturen aufzubrechen. Den Menschen nahe und evangeliumsnahe gilt es Kirche zu gestalten, hieß es in Mariazell. Zu Pfingsten beten die Christen um Impulse für diese Erneuerung der Kirche.
Aus der drohenden Bruchstelle ist eine Nahtstelle geworden
Pfarrgemeinderatskongress in Mariazell vom 13. bis 15. Mai
Jugendvertreter/innen, Pfarrgemeinderäte, Bischöfe, sie alle waren sich nach dem dreitägigen, mitunter spannungsreichen Pfarrgemeinderatskongress in Mariazell einig: ein neues Miteinander ist möglich.
Es soll so etwas wieder geben – und es wird so etwas wieder geben. Das versprach Bischof Alois Schwarz am Ende des Kongresses der Pfarrgemeinderäte in Mariazell. Von 13. bis 15. Mai kamen rund 500 Delegierte und Vertreter der Diözesanleitungen zur Wallfahrt und zum Kongress in den Marienwallfahrtsort. Die sichtlich gespannte Atmosphäre wandelte sich im Lauf der Tage zu einem Gespür für ein neues Miteinander. Die vollzählig versammelten Diözesanbischöfe versprachen, über die schwierigen Themen in den Dialog zu treten. Die Mitbeteiligung von Laien an den Leitungsaufgaben in den Pfarren war ein immer wieder vorgebrachtes Thema. Weiters soll bis Herbst eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Erzbischof Kothgasser „pastorale Hilfen und Formen von Gottesdiensten für wiederverheiratete Geschiedene erarbeiten – menschennah und evangeliumstreu“, wie Bischof Alois Schwarz ankündigte.
Das Grundgewebe der Kirche. Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser griff die von vielen Pfarrgemeinderäten vorgebrachte Sorge um die Gewährleistung der Sonntagsgottesdienste auf: „Wie wir den Gemeinden die Eucharistie auch in Zukunft garantieren können, ist auch unsere Sorge“, betonte er. „Und Sie wissen, was damit verbunden ist“, fügte er hinzu und deutete damit an, dass auch die „Weihevoraussetzungen für das Priesteramt durchaus Gesprächsstoff sein können“. Die Bedeutung der Gemeinden am Ort betonte auch Kardinal Christoph Schönborn: „Sie sind das Gewebe der Kirche.“
Kirche ohne Macht – mit Autorität. Kardinal Schönborn sprach wiederholt von einem bevorstehenen großen Umbruch in der Gesellschaft, auf den sich auch die Kirche „mit dem Blick Jesu“ einstellen müsse – mit großen Unterschieden. In Teilen Wiens – etwa in Favoriten – wäre die Kirche längst zu einer Minderheit geworden, während in anderen Gebieten die Kirche noch stark präsent sei. Die Kirche befindet sich im Wandel von einer Kirche der Macht zu einer Kirche der Autorität. So drückte es der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher aus. Der Weg der Kirche ist für Bucher klar der Weg des Konzils: „Helfende Pastoral vor aburteilender Moral, Kampf für die von Gott verliehenen Menschenrechte vor Kampf vor den ererbten Kirchenrechten“. Auch Kardinal Schönborn bekräftigte diese Richtung: Es gehe um einen Wechsel von einer Pflichtmoral zu einer sympathischen, am Glück der Menschen orientierten Moral. Wir dürften, betonte der Kardinal, nicht nur die Menschen sehen, die am Sonntag in die Kirche kommen, sondern auch jene, die „in die Nähe der Kirche“ kommen. Das Augenmerk gelte es auch auf jene zu richten, die „in der Nähe der Kirche“ sind. – „Es ist schön, dass sie da sind“, meint er etwa im Fall der Motorradfahrer, die die Segnung ihrer Fahrzeuge vor der Kirchentür abwarteten, ohne hineinzugehen.
Jugendliche am Wort. In der knappen Zeit war nur wenig Diskussion in Mariazell möglich. Die Anliegen wurden dennoch – besonders stark von Jugendlichen – vorgebracht. In einer nächtlichen Aktion hatten sie eine vierseitige Extrazeitung erarbeitet und ihre Vorstellung auch auf großen Kartons präsentiert. Die Hauptrichtung: Die Kirche muss sich der Lebenswelt der Menschen öffnen, etwa in der Haltung zur Sexualität. Und die Erwartung an Jugendliche dürfe sich nicht bloß darauf beschränken, dass sie am Sonntag in die Kirche gehen. Was die Zukunft der Pfarrgemeinden betrifft, so wurde ein Zweifaches deutlich: Die Pfarren wollen ihre Selbständigkeit bewahren: Die Menschen wollen ihre Pfarren nicht aufgeben – und sie würden sich in einer anderen Pfarre kaum beteiligen. Trotzdem wird es eine verstärkte Zusammenarbeit in Seelsorgeräumen und Dekanaten brauchen. Der Erfahrungsaustausch über Diözesangrenzen hinaus erwies sich dabei als wertvoll. Kirche ist nicht nur ein „Dienstleister für die Märkte der Welt“, meinte Bischof Alois Schwarz in der Predigt beim abschließenden Festgottesdienst. Die Anbetung und das Bibelgespräch sind in ihr ebenso bedeutsam. Die Pfarrgemeinderatsvertreter erlebten in Mariazell auch eine sehr stimmige Wallfahrt mit gut gestalteten Gottesdiensten und festlichem Gesang. Eine abendliche Lichterprozession führte hinauf auf den Kalvarienberg.
In die Zukunft. „Wo Gott ist, ist Zukunft“. Dieses Leitwort stand während des Kongresses vor der Glasfront, die den Blick hinaus in die Mariazeller Landschaft öffnete, daneben ein Bild, das die Emmausjünger unterwegs mit Jesus zeigte. Eine angespannte, zum Teil von scharfen Formulierungen durchsetzte Stimmung der ersten Phase hat sich während der Tage zu einem verstehenden Miteinander gewandelt. Eine drohende Bruchstelle wurde so zu einer verbindenden Nahtstelle. Dass Laien und Priester, Bischöfe und Pfarrgemeinderäte diesen Weg gemeinsam gehen wollen, hat der Mariazeller Kongress gebracht. Für andere sensible Zonen steht dieser Prozess noch aus: für das Verhältnis der Kirche Österreichs mit der Weltkirche samt Vatikan einerseits, für die Berührungslinien von Kirche und Gesellschaft andererseits. Mariazell war mehr, als viele erwartet hatten. Bereits in Mariazell haben die einzelnen Diözesen begonnen zu überlegen, welche Konsequenzen sie ziehen werden.
Zum Thema
Bischöfe wollen Dialog fortsetzen
Bischof Alois Schwarz (Gurk-Klagenfurt) versprach am Ende des Kongresses von Mariazell, dass die Fragen des „Dialogs für Österreich“ aus dem Jahr 1998 in einem neuen Dialog aufgegriffen würden. Themen wie Zölibat und Rolle der Frau in der Kirche prägten damals die Debatte. „Dass diese Fragen immer wieder aufkommen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir sie zu wenig konkret mit ihren Gegenargumenten und Einwänden, aber auch mit ihren Argumenten dafür einmal öffentlich besprechen und bedenken“, betonte Schwarz. Der nun begonnene Dialogprozess sei erstmals ein Forum, in dem dieses Weiterdenken möglich werde, so Schwarz. Gewisse Fragen wie etwa die Zölibatsfrage seien zwar nur universalkirchlich zu lösen, dennoch sei ein Dialog auf der Ebene der Ortskirche über diese Fragen nicht umsonst, da er als Lautverstärker in die Weltkirche hinein wirke. Bischof Schwarz wörtlich: „Es gibt die Fragen von einer Reihe von Gläubigen, die sagen: Könnte es nicht auch verheiratete Priester in der katholischen Kirche geben? Diese Frage wird immer wieder gestellt und ist immer wieder laut geworden und wir hören als Bischöfe diese Frage und sagen in Rom auch, dass es bei uns diese Fragestellung gibt.“ Schwarz ist der zuständige Referatsbischof für Pfarrgemeinderäte.