In der Reihe „Literatur“ präsentiert Maria Fellinger-Hauer zwei Neuerscheinungen: „Wenn du wiederkommst“ von Anna Mitgutsch und „Das Adolf Holl Brevier“.
- Gibt es überhaupt einen Zugang zum Tod? Oder sind es nur kollektive Bilder, die für Erfahrungen bereit stehen, für die wir keine Worte haben? – Fragen, die sich die Ich-Erzählerin in Anna Mitgutschs Roman stellt und auf die sie ebenso keine Antwort findet wie auf viele andere Fragen auch, um die ihr Denken kreist. 35 Jahre, ein ganzes Erwachsenenleben, haben die Erzählerin und Jerome, ihr Mann gebraucht, um nach einer kurzen Ehe, einer gemeinsamen Tochter und einer „endgültigen“ Trennung mit damit verbundenen Kämpfen doch wieder zueinanderzufinden. Die Möglichkeit, noch einmal neu anzufangen, ist ganz nahe. Doch dann stirbt Jerome unerwartet. Allein gelassen und betäubt vom Unbegreiflichen bleibt die Erzählerin zurück. Als geschiedene Ehefrau hat sie innerhalb des Trauerrituals keine Rechte. Die Verwandten Jeromes, für den sie einst zum Judentum konvertiert ist, begegnen ihr beinahe feindselig. Sie muss die entfernten Freunde und ihr Gerede über den Toten aushalten wie auch eine Rivalin, die sich als Witwe betrachtet. Im Gegensatz zu ihrer Tochter findet sie auch keinen Trost in der Religion. In einem Monolog, der nach dem Muster des jüdischen Trauerjahres aufgebaut ist, sucht die Erzählerin nach Worten für ihre Trauer. Sie befragt ihre Beziehung zu dem Verstorbenen auf ihre Gültigkeit. Hoffnungen und Erwartungen bleiben uneingelöst. Gute Vorsätze kommen zu spät. Hat er mich wirklich geliebt?, ist die Frage, die sie zunehmend quält.Das Buch ist eine bewegende Totenklage. Die Autorin findet eine glaubhafte Sprache für das zunächst Unsagbare. Am Ende zeigt sich sogar ein Schimmer der Akzeptanz des Unveränderlichen und eine Rückkehr zum Leben ohne Jerome. Was offen bleibt, ist unter anderem die Frage, warum bei einer so großen Liebe eine gelebte Alltagsbeziehung nicht möglich war. Oder: Kann man einen Menschen erst dann vorbehaltlos lieben, wenn er nicht mehr da ist?
Anna Mitgutsch, Wenn du wiederkommst, Roman, Luchterhand Verl., München 2010, Euro 20,60.
- Adolf Holl, über Österreich hinaus als kritischer Intellektueller und innerkirchlich als suspendierter Priester bekannt, wurde dieser Tage 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass hat Walter Famler, Generalsekretär des Wiener Kunstvereins Alte Schmiede im Residenzverlag eine Auswahl von Texten des Theologen, Religionssoziologen und Schriftstellers herausgebracht. Das Buch ist es ein Leitfaden durch Holls Gedankenwelt – und das ist letztlich die religiöse Frage. Dieses „Es muss doch mehr als alles geben“, um es mit einem Wort Dorothee Sölles zu sagen. Und weil Holl eine außerordentliche Gabe besitzt, sein reiches Wissen über religionsgeschichtliche und theologische Fragen mit feinsinnigem Humor sichtbar und verständlich zu machen, ist die Lektüre nicht nur ein Gewinn, sondern auch ein besonderer Genuss. Thematisch sind die Texte nach den wichtigsten Festen des Kirchenjahres aufgebaut. Den Abschluss bildet ein Interview mit Holl, das Aufschluss über seine Person und auch über sein Verhältnis zur katholischen Kirche gibt. Auch ein Nachweis, aus welchen der über 30 Publikationen Holls die Texte stammen, fehlt nicht. Das Buch trägt den Titel „Brevier“ und erinnert in seiner Aufmachung an das traditionelle Stundenbuch der Kirche. Wie ein solches sollte man es auch benutzen.
Das Adolf Holl Brevier, Residenz Verlag, St. Pölten – Salzburg 2010, Euro 20,50.