Katholiken und Evangelische haben beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München Freikirchen und Orthodoxe ins Boot geholt
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19.05.2010
- Josef Wallner
Unter dem Thema „Damit ihr Hoffnung habt“ trafen sich von 12. bis 16. Mai 2010 täglich bis zu 140.000 Menschen zum 2. Ökumenischen Kirchentag in München.
Nach dem ersten gemeinsamen Kirchentag in Berlin 2003 war die Hoffnung groß, dass Katholiken und evangelische Christen bei einem nächsten ökumenischen Großtreffen sich gegenseitig zum Empfang des Abendmahls und der Eucharistie einladen. Diese Sehnsucht wurde nicht erfüllt. Die evangelische Kirchenleitung betonte nachdrücklich, dass man die Entscheidung der katholischen Kirche achte, dafür noch nicht die Voraussetzungen zu sehen. Gleichzeitig machte die evangelische Kirche deutlich, dass es zu ihrem Selbstverständnis gehört, dass jeder Christ unabhängig der Konfession zum evangelischen Abendmahl geladen ist.
Ökumene geht weiter. Obwohl im evangelisch-katholischen Verhältnis Stillstand herrscht, war der Kirchentag dennoch ein Meilenstein in Deutschlands Ökumene: Der evangelisch-katholische Kirchentag hat die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen – dazu gehören auch die Freikirchen und die orthodoxen Kirchen – mit ins Boot der Ökumene geholt. Brot teilen. Diese Erweiterung der Ökumene wurde in beeindruckender Weise im Teilen von gesegnetem Brot im Anschluss an eine orthodoxe Vesper sichtbar und erlebbar. An tausend bayrischen Biertischen nahmen auf dem Münchner Odeonsplatz zehntausend Christ/innen Platz, umgeben von weiteren zehntausend Mitbetenden. Die orthodoxe Kirche kennt das Symbol der Artoklasia, des Brotbrechens. Bei großen Festen wird nach dem Gottesdienst an die Gläubigen gesegnetes Brot verteilt, damit die Gemeinschaft noch weitergeht. Die Kirchentagsleitung hofft, dass sie mit dieser auf große Begeisterung gestoßene Veranstaltung der Ökumene ein neues Symbol des Miteinanders geschenkt hat.
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Expedition Bibel
„Das Beste, was wir auf dem Ökumenischen Kirchentag für unsere Kinder – zwölf, zehn und neun Jahre – gefunden haben“, sagt Max Stadler aus Geroldshausen über die „Expedition Bibel“, die Ausstellung des Linzer Bibelwerkes. Er ist mit dieser Meinung nicht allein. An die zwanzigtausend Leute haben innerhalb von drei Tagen den Stand des Bibelwerks besucht. Aus fünfzig Orten kamen Anfragen, ob man die Bibelausstellung nicht zeigen könnte: aus Berlin, Hamburg, Bremen, Bielefeld, Weimar ... Auch die Adresskartei des Newsletters hat eine kräftige Erweiterung erfahren: 1000 neue Bezieher/innen aus ganz Deutschland freuen sich auf Nachrichten und attraktive Angebote aus dem Linzer Bibelwerk. Die Bibelausstellung war Teil des Zentrums Bibel am Kirchentag mit über 65 Veranstaltungen und Workshops.
„Der Missbrauch war in dieser Institution möglich“
Spannungsgeladene Debatte auf dem Kirchentag
Der Ökumenische Kirchentag in München wurde zwar nicht vom Thema Missbrauch dominiert, es war aber ständig präsent. Wenn Missbrauch ausdrücklich diskutiert wurde, war die Stimmung – vor allem den Kirchenoberen gegenüber – gereizt.
Es war nicht die größte, aber vermutlich die spannungsgeladendste unter den 3000 Veranstaltungen des Kirchentags: die Podiumsdiskussion über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche mit Bischof Stephan Ackermann, dem Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, und dem Jesuiten Klaus Mertes. Der Rektor des Canisiuskollegs in Berlin brachte durch sein offenes Agieren die Missbrauchs-Debatte in Deutschland ins Rollen. Die weiteren Diskutanten: der Psychotherapeut Wunibald Müller, eine Jugendvertreterin aus Freiburg, die bayerische Justizministerin und ein Jurist. Und zwar nicht eingeladen, dafür aber umso lauter, Norbert Denef, ein Missbrauchsopfer.
Opfer fordern heraus. Kaum hatte P. Klaus Mertes die ersten Sätze seines Statements verlesen, stürmt ein Mann aus dem Publikum, stellt sich vor die 5500 verdutzten Besucher/innen der Veranstaltung und schreit: „Hören Sie auf mit dem Lügentheater!“ Denef wurde selbst als Kind von einem katholischen Priester missbraucht und kämpft seither, wie er es beschreibt, täglich ums Überleben. An die 30 Kameraleute und Journalisten umringen ihn und er gibt keine zwei Meter von Mertes entfernt eine Pressekonferenz. Mertes gelingt es, sein Referat fortzuführen. Er legt seinen Schwerpunkt vor allem auf die Reaktion der Institution Kirche, in welcher der Missbrauch geschehen ist. Die Opfer seien für die Institution – in seinem Fall die Jesuiten – unangenehm. Entsprechend falsch reagieren häufig die kirchlichen Institutionen: Opfer würden das jahrelange Abwimmeln oft ebenso schlimm empfinden wie den Missbrauch selbst, so Mertes. Darum steht die Institution Kirche in Frage und nicht bloß die einzelnen Täter, die Mitglieder der Kirche sind: „Der Missbrauch war in dieser Institution möglich.“ Da sexueller Missbrauch eine Form von Machtmissbrauch ist, muss die derzeitige Form der Machtausübung in der Kirche hinterfragt werden, betont Mertes. Er erntet dafür tosenden Applaus – und heftigen Widerspruch von Bischof Ackermann.
Unmut über Bischof. Man dürfe die Diskussion um der Opfer willen nicht in eine Kirchen-Reformdiskussion überführen, wendet Ackermann ein. Der Saal quittiert die Wortmeldung mit Buhrufen und heftigen Pfiffen. Mertes lässt sich nicht beirren: „Meine Erfahrung mit den Opfern ist, dass sie selbst die Frage nach den Kirchenstrukturen stellen.“ Er fordert nachdrücklich mehr innerkirchliche Öffentlichkeit, wo es mehr Dialog gibt. Ackermann bitte das Publikum: „Helfen Sie uns Bischöfen zum Dialog.“
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Die Kirche ist bunt
An die 70 Personen aus Oberösterreich haben einen Tag lang, am 14. Mai 2010, am Ökumenischen Kirchentag in München teilgenommen, unter ihnen Pfarrer Karl Burgstaller aus Waizenkirchen. Ihn hat vor allem die Vielfalt des kirchlichen Lebens beeindruckt. In mehreren Messehallen, jede davon so groß wie drei Fußballfelder, stellten Orden, kirchliche Stiftungen sowie kirchliche und kirchennahe Gruppen ihre Aktivitäten vor. Pfarrer Burgstaller: „Die ganz unterschiedlichen Anliegen geben zu denken. Gut ist es, dass niemand ausgeschlossen ist.“ Die offene Diskussionskultur des Kirchentags hält er in der Kirche für wichtig.