- Andrea Holzer-Breid, Dipl. Ehe- und Familienberaterin
Aus der Praxis. Renate (60 Jahre) und Josef (65 Jahre) kommen in die Beratung, weil Renate seit Jahren depressiv ist, einen ständigen Druck verspürt und die Sexualität (nach ihren Worten) schon lange nicht „funktioniert“. Wenn Josef Renate nur zärtlich an der Schulter berühren möchte, schreckt sie zurück.
Ja sagen zu den Wünschen anderer setzt voraus, selber auch Nein sagen zu können.
Renate erzählt, dass sie in ihrer Herkunftsfamilie gelernt hat, alles zu tun, was von ihr verlangt wurde, keinesfalls zu widersprechen, immer brav und für die anderen da zu sein. Renates Mutter war ebenfalls depressiv, auch wenn sie ein „seelenguter“ Mensch war. Sexualität war für Renate immer etwas „Schmutziges“ und eigentlich Verbotenes. Sie sah Sexualität als Pflichterfüllung, um eine gute Ehefrau zu sein. Und das wollte sie sein. So war sie froh, als sie Kinder hatte und sich hinter anderen Pflichten verstecken konnte.
Lernen, Ja oder Nein zu sagen. Als Renate und Josef in die Beratung kommen, sind sie beide mit dem Zustand unzufrieden. Sie haben das Bild, dass sich zwischen ihnen eine Mauer des Schweigens aufgebaut hat. Beide wünschen sich mehr Lebendigkeit in ihrer Beziehung. Sie möchten die paar Jahre, die ihnen noch geschenkt sind, genießen und nicht mehr voreinander fliehen.Ein erster wichtiger Punkt in der Beratung ist, dass Renate lernt, dass sie gar nichts muss. Dass sie in ihrer Beziehung mit Josef „Ja“ und „Nein“ sagen darf. Wer nicht „Nein“ sagen kann, lebt nicht sein eigenes Leben, sondern ein Leben für andere. „Nein“ sagen zu lernen, ist ein wichtiger Schritt, um aus der Depression auszusteigen. Menschen, die ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, die eigenen Bedürfnisse kennenlernen, herausfinden, was ihnen gut tut oder nicht gut tut, brauchen die Depression nicht mehr.
Sexualität verändert sich. Renate lernt Josef mitzuteilen, was sie mag und was nicht. Zum Beispiel: Wie sie gerne gehalten werden möchte. Sie mutet es Josef zu, zu sagen: „Nein, ich will jetzt nicht, dass du mir die Hand auf die Schulter legst.“ Durch die neu gefundenen Grenzen bekommt Renate plötzlich auch Interesse an Josef. Sie sagt ihm auch, was sie sich von ihm wünscht. Josef und Renate finden heraus, dass Sexualität auch nicht nur Geschlechtsverkehr bedeutet. Sexualität (vor allem im Alter) ist viel mehr: Zum Beispiel: Einander in die Augen schauen, einander anlachen, die Hände streicheln, einander halten, einander Lustiges, Trauriges, Schönes zu erzählen.
Gespräche mit Gefühl. Eine neue Lebendigkeit finden die beiden auch im Gespräch: Renate traut sich, ihre Meinung zu sagen, manchmal auch mit der nötigen Wut. Josef lernt, dass er sich vor Renates Wut schützen darf. Er zieht sich dann zurück und sorgt gut für sich. Wenn er sich wieder gefangen hat, geht er wieder auf Renate zu und erzählt ihr von sich und seinen Gefühlen. Die beiden haben nun eine Tür durch die Schutz- und Schweige-Mauer gefunden, durch welche sie immer wieder aufeinander zugehen und einander in aller Lebendigkeit begegnen können.
Beratung und Information: BEZIEHUNGLEBEN.AT, Tel. 0732/77 36 76