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Pro & Contra: Bettelverbote

Gesellschaft & Soziales

Ausgerechnet die Franziskaner haben sich in Salzburg für ein Bettelverbot ausgesprochen. Darf man das in der Kirche? 

Ausgabe: 13/2019
26.03.2019
- Matthäus Fellinger & Heinz Niederleitner
© Katarzyna Bialasiewicz Photographee.eu

Ausgerechnet die Franziskaner haben sich in Salzburg für eine räumliche Ausdehnung der Bettelverbote ausgesprochen: Gewaltvorfälle und die Befürchtung, dass andere Hilfsbedürftige sich nicht mehr in ihre Ausspeisung trauen, stehen dahinter. Die Erzdiözese Salzburg hat sich von dieser Haltung distanziert. Die grundlegende Frage ist: Darf man sich in der Kirche für Bettelverbote aussprechen? 

 

Eine lehrreiche Hilflosigkeit

Nein. Ein Bettelverbot im Umfeld kirchlicher Gebäude würde den Evangelien nicht entsprechen. Die Händler und Geldwechsler hat Jesus aus dem Tempel vertrieben, nicht die Bettler – dabei wird es bei diesem geschäftigen Tempeltreiben gewiss nicht wenige solche gegeben haben. Bettlerinnen und Bettler vor Kirchen sind ein Kompliment: „Hier erhoffen wir etwas.“ 

 

Unbiblisch

Verbote sind strikt. Zu strikt! Sie kennen dann auch keine Ausnahme mehr. Dem berechtigten Anliegen, eine gute, auch spirituell dichte Atmosphäre um kirchliche Räumlichkeiten zu schaffen, würde der Vorrang eingeräumt – vor der Not der Armen, auch wenn diese im Dienste von Bettellobbys stehen. Das wäre unbiblisch, auch wenn es ärgerlich ist. Letztere werden, sobald sie sich bettelnd in die Sphäre des Kirchlichen begeben, automatisch zu Schuldigen. Ein krasser Wiederspruch wäre das zu dem, was in Kirchen als Frohbotschaft verkündigt wird.

 

Nicht überfordern!

Doch es stimmt auch das: Menschen müssen und sollen sich in ihrer Gutherzigkeit nicht überfordern lassen. Jeder Coach und Therapeut rät es. Überfordere dich nicht, nimm eine Belastungsgrenzen ernst. Aber selbst muss man es tun, selbst entscheiden. Nicht der Staat. Mit den Mitteln des Bittens, mit freundlichen oder auch emotionsgeladenen Worten, gegebenenfalls auch im Streit, von Mensch zu Mensch. In Selbstbewusstsein: Ich bin es, der will oder nicht will. Auch das Zusammentreffen eines Bettlers und eines davon Gestörten ist eine Begegnung. Die beiden haben es sich auszumachen. Die Hilflosigkeit, in der die Gesellschaft in der Bettelfrage steht, ist eine lehrreiche. Es ist nicht alles gut.

Matthäus Fellinger

 

 

Professionalität statt Almosen

Ja, auch in der Kirche darf man Bettelverboten (die laut Verfassungsgerichtshof ohnehin nie absolut sein können) zustimmen, wenn man gleichzeitig professionelle Sozialarbeit in den Herkunftsländern der Bettler unterstützt. Denn Betteln, zumal wenn dafür Kinder missbraucht werden, ist unter der Menschenwürde und führt zu Abhängigkeiten gegenüber den „Organisatoren“. In der (katholischen) Kirche gibt es leider nach wie vor eine gewisse Verklärung des Bettelns, die Entwicklungen seit biblischer Zeit nicht berücksichtigt. Heutige Schieflagen und strukturelle Ursachen des Bettelns treten dabei in den Hintergrund. Dass Betteln würdelos und durch professionelle Unterstützung (heute sind das Sozialsysteme) zu ersetzen ist, hat aber schon Martin Luther vor 500 Jahren erkannt: Von seinem Orden, den Augustiner-Eremiten, zum Betteln verpflichtet, trat er nach der Reformation für ein organisiertes Armenwesen ein.

 

Zuständigkeiten

Es geht hier nicht darum, dass das Betteln in unseren Städten oft in Gruppen organisiert ist (auch wenn zu fragen ist, wie freiwillig das jeweils abläuft). Sehr wohl aber geht es darum, dass diese Menschen für ihre Familien (in Rumänien, der Slowakei, Ungarn und am Westbalkan) sammeln. Für die soziale Sicherung dieser Menschen sind diese Länder, die EU-Mitgliedsstaaten oder mögliche EU-Beitrittskandidaten sind, zuständig. Es ist Aufgabe der EU-Politik, diesen Staaten klarzumachen, dass es zum Beispiel keine Benachteiligung von Roma geben darf. Es ist Aufgabe der Politik und (kirchlicher) Hilfsorganisationen, für Chancen vor Ort zu sorgen. Es ist unsere Aufgabe, das von der Politik zu fordern und die Hilfe zu unterstützen. Und es ist Aufgabe der Betroffenen, diese Chancen zu nützen. 

Heinz Niederleitner

 

 

 

 

 

Matthäus Fellinger ist Chefredakteur der „KirchenZeitung“ der Diözese Linz.
Matthäus Fellinger ist Chefredakteur der „KirchenZeitung“ der Diözese Linz.
© ©2015 Diözese Innsbruck/Vanessa Weingartner / Tiroler Sonntag, all rights reserved
Heinz Niederleitner leitet die Kooperationsredaktion der Kirchenzeitungen der Diözesen Eisenstadt, Feldkirch, Innsbruck und Linz.
Heinz Niederleitner leitet die Kooperationsredaktion der Kirchenzeitungen der Diözesen Eisenstadt, Feldkirch, Innsbruck und Linz.
© @Innsblick, Vanessa Weingartner
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