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„Diese Sozialhilfe ist ein Rückschritt in das Armenwesen“

Gesellschaft & Soziales

Die Sozialhilfe treibe Menschen tiefer in die Armut, sagt Caritas-OÖ-Direktor Franz Kehrer. Ein Gespräch anlässlich der Haussammlung, die im April und im Mai in Oberösterreichs Pfarren stattfindet.

Ausgabe: 16/2019
15.04.2019
- Christine Grüll
Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in OÖ.  Caritas/Wakolbinger
Franz Kehrer, MAS, Direktor der Caritas in OÖ. Caritas/Wakolbinger
© Caritas/Wakolbinger

Was würden Sie jemandem sagen, der meint: „Ich spende nicht an die Caritas, sondern lieber an eine Privatinitiative“?
Franz Kehrer:
Ich würde sagen, dass grundsätzlich jedes Engagement wichtig ist. Wer sich mit dem Spenden auseinandersetzt, zeigt ein Bewusstsein dafür, dass es verschiedene Formen von Hilfe braucht. Das kann eine Zeitspende oder eine Geldspende sein, für lokale, überregionale oder weltweite Hilfe. Es zeugt auch von einem Schauen aufeinander in der Gesellschaft. Ich würde weiters erklären, dass zehn Prozent der Spendeneinnahmen in der Pfarre bleiben und welche Projekte die Caritas finanziert. Durch die Solidarität in Form vieler kleiner Beiträge für Menschen in Not kann sehr viel Hilfe bewirkt werden. Privatinitiativen können an die Grenzen der Hilfsfähigkeit kommen. Manchmal ist eine gewisse fachliche Distanz oder Anonymität notwendig, weil sonst auch Abhängigkeiten zwischen den Helferinnen und Helfern und den Menschen in Not entstehen. In manchen komplexen Situationen braucht es eine Fachexpertise von ausgebildeten Sozialarbeiterinnen und -arbeitern, eine rechtlich fundierte Auskunft, weil man dadurch erst wirksam helfen kann.


Die Caritas wird auch durch Steuergelder finanziert. Wofür braucht es dann Spenden?
Franz Kehrer:
Man muss bei der Arbeit der Caritas unterscheiden: Wir werden von der öffentlichen Hand unter anderem für Dienstleistungen in der Pflege und in der Betreuung von Menschen mit Behinderung beauftragt und bezahlt. Aber es gibt Bereiche, die zum Grundauftrag oder Kernauftrag der Caritas gehören, und der lautet „Not sehen und handeln“. Da gibt es keine systematische Hilfe des Staates, und wir sind auf Spenden angewiesen. Die Haussammlung ist das Fundament für die Nothilfe zum Beispiel in unseren Sozialberatungsstellen. Hier geht es nicht darum, dass die Caritas ein Geldautomat ist, wo ich mir in einer Notsituation Geld abhole. Der Schlüssel unserer Arbeit ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Sie setzt beim Gespräch an, in dem professionelle Hilfsmöglichkeiten gemeinsam ausgelotet werden. Wir leisten unmittelbare Hilfe, etwa durch wie Lebensmittelgutscheine, Kleiderspenden oder durch die Übernahme einer ausstehenden Miete, damit die Familie wieder eine Perspektive hat. Unser Grundauftrag sind das Karitative und das Diakonische, beides gehört zum Christlichsein ursächlich dazu.


Der Begriff der „Sozialhilfe“ ersetzt nun das Wort „Mindestsicherung“ . Was halten Sie davon?
Franz Kehrer:
Allein an der Rückkehr zu diesem Begriff erkennt man den sozialpolitischen Rückschritt. Er stigmatisiert Menschen als hilflose „Bittsteller“ – ein großer Unterschied zu jemand, der ein Recht auf Mindestsicherung hat. Aber noch viel schlimmer als der Begriff ist die geplante Neuregelung. Denn es gibt zum Beispiel bei den Leistungshöhen eben keine Mindestbeträge mehr – was bedeutet, dass den Ländern nach unten keine Grenzen gesetzt sind, wie viel beziehungsweise wie wenig die Menschen nun an Geld erhalten werden. Dass gerade die besonders armutsgefährdete Gruppe von 
Familien mit mehreren Kindern künftig weniger Unterstützung erhält, ist nur eine der Verschlechterungen, die Betroffene noch tiefer in die Armut treiben wird. Dahinter liegt letztendlich auch eine gesellschaftliche Entsolidarisierung. Man arbeitet nicht mehr an den Strukturen, die dazu führen, dass eine Person in diese Situation kommt. «  

 

Wofür werden die Spenden verwendet?

Die zwölf Caritas-Sozialberatungsstellen werden zur Gänze aus den Spendengeldern finanziert. 11.877 Menschen in Not und ihre Angehörigen konnten im Jahr 2018 unterstützt werden. Insgesamt fanden rund 19.700 Gesprächs- und Hilfskontakte statt, meist zu den Themen „Arbeitslosigkeit“, „Wohnen“ und „Energie“.

In den Tageszentren für Wohnungslose besuchten 906 Personen die Wärmestube, 160 Frauen das Projekt FRIDA.

Mit dem Help-Mobil konnten 468 wohnungslose Klientinnen und Klienten medizinisch versorgt werden. 
Im Projekt Krisenwohnen fanden 76 obdachlose Menschen, davon 39 Kinder, eine vorübergehende Unterkunft und Unterstützung.

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