Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
und Referentin für Spiritualität im
Pastoralamt der Erzdiözese Wien
Der Herbstwind, der im Garten des Innsbrucker Priesterseminars die Blätter von ihren Bäumen tanzen lässt, ist schon kühl und etwas böig. Es ist Anfang Oktober, und das Studienjahr beginnt mit frischem Luftzug. Viele der 28.000 Studierenden der Universität Innsbruck kommen aus den Ferien wieder zurück in ihre Universitätsstadt in den Bergen. Für die drei Doktorandinnen Sr. Mirian Uchechi Anyanwu, Essence Ene Ujah und Sr. Arul Rosy Rabella George gilt das nicht. Ihre Heimat ist zu weit weg, ein Rückflug über den Sommer wäre teuer und würde sie vom Forschen ablenken.
Mehr als die Hälfte der Studierenden der Innsbrucker Universität kommt aus dem Ausland (53 Prozent). Fast 54 Prozent aller Inskribierten sind Frauen. Dass Sr. Mirian Anyanwu, Essence Ujah und Sr. Rabella George ihre Dissertation an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Innsbruck verfassen können, ist dennoch nicht selbstverständlich. Während internationale Stipendien für Seminaristen und Priester eine lange Tradition haben, gibt es das „Sophia Institute“ erst seit kurzem. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, talentierten und interessierten Theologinnen aus dem globalen Süden einen Studienaufenthalt in Innsbruck zu ermöglichen.
Sie habe noch nie in ihrem Leben so alte Frauen gesehen, die zum Spaß auf einen Berg stiegen, erzählt Sr. Mirian Anyanwu aus Nigeria über ihre ersten Eindrücke aus Tirol, die sie voriges Jahr gesammelt hat. „Die Frauen waren um die siebzig. Ich denke, dass es ihr Leben verlängert, in Bewegung und in Kontakt mit der Natur zu sein.“ Sie selbst hat in Österreich wieder begonnen, mit dem Rad zu fahren, und genießt ihre Ausflüge in die Natur. Die meiste Zeit aber verbringt sie am Schreibtisch in ihrem Zimmer im Priesterseminar. Dort kann sie sich ganz auf ihre Doktorarbeit konzentrieren.
Die Doktorarbeit schreibt Sr. Mirian Anyanwu über Frauen in Nigeria, die unfreiwillig kinderlos sind und deshalb von der Gesellschaft unter Druck gesetzt werden. Die Arbeit geht der Frage nach, wie kinderlose Frauen als vollwertige Menschen mit unveräußerlicher Würde und Rechten verstanden werden können und wie eine moraltheologische Perspektive dabei helfen kann. Kinderlosigkeit setze auch in Europa Frauen unter Druck, aber der Druck komme mehr aus ihrem Inneren. In Nigeria würden Frauen für Kinderlosigkeit von der Gesellschaft geächtet.
Sr. Mirian hat bereits ein Postgraduate-Studium am Angelicum in Rom absolviert und in Nigeria unterrichtet. Zur weiteren Ausbildung ist sie nun in Innsbruck, um später wieder in Nigeria zu lehren. „Wissen ist Macht“, zitiert Sr. Mirian Anyanwu eine alte Weisheit. Deshalb sollten besonders Frauen Zugang zu grundlegender theologischer Bildung bekommen.
Sr. Rabella George forscht zu weiblicher Autorität, Leitung und Verkündigung in der Kirche. Sie ist Bibelexpertin und untersucht Maria Magdalenas Begegnung mit dem auferstandenen Jesus und ihre Entwicklung von einer Suchenden und Trauernden zu einer beauftragten Zeugin. Sr. Rabella Georges Erstberuf ist Mathematiklehrerin. Die Idee, weiterzustudieren, kam ihr aufgrund einer Erfahrung im Rahmen des weltweiten synodalen Prozesses in ihrem Heimatland Indien. In all den Gesprächsrunden konnte sie zu manchen Fragen keine Klarheit bekommen. Etwas in der Kirche lief aus Sr. Rabella Georges Sicht nicht so, wie sie es sich wünschte. Statt es nur zu kritisieren, entschied sie sich, weiterzustudieren, um selbst zu einer Veränderung und zu einer „neuen Denkweise“, wie sie sagt, beizutragen.
Mit den beiden Kolleginnen verbindet die dritte Stipendiatin einiges, anderes hat sie nicht mit ihnen gemeinsam. Essence Ujah ist keine Ordensfrau, sondern verheiratet. Ihren Mann, der in Nigeria lebt, hat sie seit letztem Jahr nicht mehr gesehen. Heimweh habe sie schon, sagt Essence Ujah, aber das Studium sei zurzeit eben wichtiger. Sie schreibt ihre Dissertation nicht in einem theologischen Fach, sondern in Philosophie. Auch ihre Arbeit dreht sich aber um Ungleichbehandlung, konkret um Ungerechtigkeit im Zugang zu Bildung und Wissen.Sie untersucht, wie Menschen – besonders in postkolonialen afrikanischen Gesellschaften – daran gehindert werden, überhaupt zu Wissenden zu werden. Eine Frau zu sein, kann ein Grund für Bildungs-Ungerechtigkeit sein. Diese Mechanismen zu erforschen, ist die eine Seite. Die andere ist, eine Änderung zu bewirken. Und auch darum geht es der Nigerianerin.
Die herbstliche Nachmittagssonne schickt ihre schrägen Strahlen zwischen die Bäume im Garten des Innsbrucker Priesterseminars. Die drei Forscherinnen, die hier über ihre Arbeit und ihre Anliegen erzählen, widerlegen das Klischee, dass die „Frauenfrage“ in der Kirche nur Europäerinnen beschäftigt. Für Sr. Rabella George aus Indien scheint sonnenklar: Frauen sollten gründlich ausgebildet werden und Leitungsverantwortung übernehmen. Essence Ujah aus Nigeria, die aus einer katholischen Familie stammt, ist ökumenisch unterwegs. Sie wirkt in Nigeria bereits als Pastorin in einer evangelischen Kirche.
Ein Arbeitstitel für die Gründung des Sophia Institutes in Innsbruck war „Canisianum für Frauen“ – ein internationales Ausbildungsinstitut der Spitzenklasse.
An der Katholisch-Theologischen Fakultät in Innsbruck sind gleich mehrere Traditionen lebendig. Seit vielen Jahrzehnten hat man hier Erfahrung mit Stipendiaten aus aller Welt. Oft schreiben sie an der jesuitisch geprägten Fakultät ihre Dissertation, nicht wenige kommen auch zum Grundstudium nach Innsbruck. Meist sind es Seminaristen oder Priester, die in den Genuss eines internationalen Stipendienprogramms kommen.
Andererseits hat die Theologische Fakultät in Innsbruck mit Herlinde Pissarek-Hudelist auch die weltweit erste Dekanin einer Katholisch-Theologischen Fakultät hervorgebracht. Theologie aus Frauensicht hat hier einen hohen Stellenwert.
Umso erstaunlicher, dass auch im dritten Jahrtausend ein Vierteljahrhundert vergehen musste, bis das „Sophia Institute“ nach langen Anstrengungen verwirklicht wurde. Vor einem Jahr begann dieses „International Fellowship Programme for Female Leadership“ (ein internationales Stipendienprogramm für weibliche Führungskräfte), die ersten hochqualifizierten Stipendiatinnen auszubilden. Zwei der drei Frauen, die über dieses Stipendienprogramm in Innsbruck ihre Dissertation schreiben, kommen aus Nigeria, eine aus Südindien. „Canisianum für Frauen“ ist auch ein Spitzname für das Sophia Institute. Im Canisianum in der Tschurtschenthalerstraße waren im 20. Jahrhundert tausende junge Priester ausgebildet worden, um in vielen Ländern der Erde kirchliche Leitungsaufgaben zu übernehmen.
Es ist kein Geheimnis, dass auch das Sophia Institute dieses Ziel hat: Frauen zu ermächtigen, in der katholischen Kirche Entscheidungsverantwortung zu übernehmen.

Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
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