Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
und Referentin für Spiritualität im
Pastoralamt der Erzdiözese Wien
Wie in vielen Religionen hat sich auch im Christentum eine Gebetsform entwickelt, bei der Anrufungen Gottes oder ein kurzer Satz aus einem heiligen Text, der leicht zu merken war, wiederholt wurden. Bei jeder Anrufung oder Wiederholung ließ man einen Knopf, der in eine Schnur geknüpft war, durch die Finger gleiten.
Als sich im mittelalterlichen Mönchtum die Tradition verfestigte, dass während der klösterlichen Gebetszeiten im Lauf einer Woche der gesamte
biblische Psalter mit seinen 150 Psalmen gebetet wurde, entwickelte man für die Brüder, die nicht lesen konnten, eine Gebetsschnur mit 15 Knoten. Mit deren Hilfe konnten sie zehn Mal 15 Vaterunser beten und zählen, als Ersatz für den Psalter.
Im Lauf der Zeit wurde das Vaterunser zunehmend vom Ave Maria abgelöst. Besonders Bernhard von Clairvaux wiederholte als Ausdruck seiner Liebe zu Maria unendlich oft: „Sei gegrüßt, du Begnadete.“ Diese Frömmigkeitsübung ist im Kontext der mittelalterlichen Minne zu sehen, bei der einer verehrten Dame Liebesbeweise erbracht wurden. Im geistlichen Bereich wurde Maria als hohe Dame verehrt. Ihre Bildnisse und Statuen wurden mit Kränzen aus Blumen und Rosen geziert. Irgendwann wurde der Name von diesen Kränzen auf die Gebetsschnur übertragen, denn man sah in der Wiederholung des Ave Maria die schönste Form der Marien-minne.
Schließlich wurde dieses Gebet mit der Betrachtung der Heilsgeheimnisse Christi verbunden. In fünf Gesätzen (Absätzen) wird jeweils zehn Ave Maria lang ein „Geheimnis“ von der Menschwerdung, von Tod und Auferstehung Christi betrachtet. Drei Varianten – freudenreich, schmerzhaft und glorreich – ergeben 15 Betrachtungen. Mit den lichtreichen Geheimnissen fügte Papst Johannes Paul II. im Jahr 2002 fünf weitere Geheimnisse aus dem öffentlichen Wirken Jesu hinzu. Darin liegt der tiefste Sinn des Rosenkranzgebetes: mit Maria das Heilsereignis Christi zu betrachten.

Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
und Referentin für Spiritualität im
Pastoralamt der Erzdiözese Wien

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>