Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
und Referentin für Spiritualität im
Pastoralamt der Erzdiözese Wien
Mit dem Alter verändert sich der Blick auf die Frage, was ein guter Tag ist. Das jahrelange Hamsterrad aus beruflicher Leistung und Kindererziehung kommt langsam zur Ruhe. Was tritt im späteren Lebensabschnitt in den Vordergrund? Es sind oft die kleinen, feinen Dinge des Alltags, denen wir nun viel mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit schenken können. Hier öffnet sich der Raum für Spiritualität und die Suche nach einem neuen, tragfähigen Sinn im Alter.
Der Psychiater Viktor Frankl beschreibt in seinem berühmten Scheunengleichnis den besonderen Blick auf das Älterwerden. Er lädt uns ein, nicht wehmütig auf das abgeerntete Stoppelfeld des Lebens zu blicken, sondern voll Dankbarkeit auf die gefüllten Scheunen der Vergangenheit.
Was findet nicht alles Platz in der Scheune unseres Lebens? Es sind die gelungenen Momente, die geliebten Menschen und die erfüllten Aufgaben, die unsere Tage zu guten Tagen gemacht haben. Doch auch das Scheitern, schwere Herausforderungen und schmerzhafte Rückschläge haben darin ihren festen Ort. Sie haben uns geprägt, uns reifen lassen und gehören unverrückbar zu unserer Biografie. Unsere Vergangenheit ist in dieser Scheune sicher geborgen. Ich kann versöhnt zurückblicken und sagen: Es war nicht immer alles leicht, aber es war mein Leben.
In Psalm 118 lädt uns der Psalmist ein: „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen.“ Die Gegenwart, das konkrete Heute, kann zu einem guten Tag werden – ganz einfach, weil Gott ihn uns geschenkt hat. Wir sind eingeladen, diesen Tag im Hier und Jetzt aufmerksam zu leben und in Gemeinschaft zu feiern. Der dankbare Blick in die Scheune unseres Lebens gibt uns die Freiheit, das Heute ohne Leistungsdruck in den kleinen Augenblicken zu genießen. Das Leben heute bewusst und dankbar zu gestalten, macht unsere Tage zu guten Tagen.
Je älter wir werden, desto ungewisser erscheint uns manchmal der Blick nach vorne. Wie wird es mir körperlich gehen? Werde ich an Demenz erkranken? Wer wird sich um mich kümmern, wenn ich einmal pflegebedürftig sein sollte? Solche Fragen fordern uns beim Älterwerden heraus und lassen Zweifel aufkommen, ob da noch gute Tage kommen können.
Hier schenkt uns der Blick in die gefüllte Scheune unseres Lebens neue Zuversicht. Wer aus dem Reichtum der eigenen Erfahrungen schöpft, kann dem Älterwerden und dem Lebensende mit größerer Gelassenheit und Vertrauen begegnen. Die Zukunftsfrage heißt im Alter nicht mehr: „Was muss ich noch erreichen?“, sondern: „Worin darf ich mich geborgen wissen?“
Gestern, heute und morgen: Jeder Tag, den der Herr macht, birgt die Chance in sich, ein guter Tag zu werden.

Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
und Referentin für Spiritualität im
Pastoralamt der Erzdiözese Wien

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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