Kinder, die auf der Straße leben wie in Vijayawada in Indien oder in Dire Dawa
in Äthiopien, haben ein hartes Los. Sozialarbeiter/innen von Straßenkinder-Projekten kümmern sich vor Ort um obdachlose, verwaiste oder von zu Hause geflüchtete junge Menschen.
Sie heißen Hasina, Kusuma oder Bharat und haben eines gemeinsam: Sie zählen zu den mehr als 10.000 Straßenkindern in Vijayawada. Die indische Stadt mit einer Million Einwohnern ist ein Verkehrsknotenpunkt. Mit Bussen und Zügen, die hier ankommen, gelangen täglich weitere 30 Straßenkinder aus ländlichen Regionen in die Metropole.
Kampf ums Überleben
Warum diese Kinder auf der Straße landen, hat viele Gründe. Weil ihre Eltern gestorben sind und sie niemanden mehr haben, der sich um sie kümmert; weil sie zu Hause vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht worden sind; weil sie zur Arbeit gezwungen wurden. Damit verbunden ist auch immer Armut und ein von sozialer Not geprägtes Milieu. Hunger, Schmutz, mangelnde Hygiene und Krankheiten sind ständige Begleitung der Straßenkinder. Sie schlafen auf Bahnhöfen, in leerstehenden Gebäuden, unter Brücken, auf Gehsteigen. Schutzlos. Sexuelle Gewaltübergriffe sind keine Seltenheit. Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben. Mit Betteln, Stehlen und Arbeiten wie Schuhe oder Zugabteile putzen halten sie sich über Wasser. Viele landen in der Prostitution oder werden durch Kinderarbeit auf Teeplantagen oder bei der Produktion von Fußbällen ausgebeutet. Der Großteil der Straßenkinder hat die Schule abgebrochen, einige von ihnen haben noch nie eine Schule besucht.
Schutz für Straßenkinder
Hasina ist 13 Jahre alt und kommt aus einem Dorf im Bundesstaat Andhra Pradesh. Ihre Eltern sind bei einem Nachbarschaftsstreit mit Kerosin überschüttet und angezündet worden. Sie haben nicht überlebt. Hasina flüchtete nach Vijayawada und war ohne Dach über dem Kopf den Gefahren der Straße ausgesetzt. Wie so viele andere ist sie ein Vergewaltigungsopfer und trägt seither den HIV-Virus in sich. Im Straßenkinderzentrum von „Navajeevan Bala Bhavan“, einer Partnerorganisation der Dreikönigsaktion, fand sie Schutz. Dort erhalten Straßenkinder Verpflegung, medizinische Betreuung, Beratungen, einen Schlafplatz, schulische und berufliche Ausbildungsmöglichkeiten. Sozialarbeiter/innen und auch ehemalige Straßenkinder versuchen zudem, Kinder wieder mit ihren Familien zusammenzuführen. „In den letzten Jahren haben wir uns um 28.000 Straßenkinder gekümmert. 14.000 davon konnten wieder in ihre Ursprungsfamilie reintegriert werden“, erzählt der Salesianerpater Thomas Koshy, Direktor von „Navajeevan Bala Bhavan“. Sorgen macht er sich um Hasina, die seit längerer Zeit verschwunden und nicht auffindbar ist.
In den Slums durchgeschlagen
Schauplatzwechsel nach Dire Dawa. Es riecht nach frisch gesägtem Holz. Tesfaye Tole ist gerade dabei, Holzbretter mit der Kreissäge zu bearbeiten. Unzählige Späne fallen dabei zu Boden. Seit fünf Jahren arbeitet der 20-Jährige als Tischler. Davor war acht Jahre lang die Straße sein Zuhause – ein Schicksal, das er sich mit insgesamt 20.000 Straßenkindern in Dire Dawa, der zweitgrößten Stadt im Nordosten Äthiopiens mit 607.321 Einwohnern, teilte. Aufgewachsen in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, kam Tesfaye Tole nach dem Tod seiner Eltern mit sieben Jahren nach Dire Dawa und hat sich dort in den Slums der Stadt durchgeschlagen. „Das Leben auf der Straße ist hart, es gibt fast nichts zu essen. Wir waren fünf Jungs in einer Gruppe, sind durch die Gegend gestreunt, haben in Abfällen nach Essensresten gesucht und die Nächte schlafend unter Brücken verbracht“, erzählt der junge Mann. Um das Elend erträglicher zu machen, hat er Khat gekaut, eine Alltagsdroge in Äthiopien. Die Blätter des Khat-Strauchs sind koffeinhältig und lösen beim Kauen einen leichten Rauschzustand aus.
Plötzlich hat sich das Leben gewendet
Mit 15 Jahren hat sich Tesfaye Toles Leben plötzlich gewendet. Ein Sozialarbeiter der Diözese Harar hat ihn auf der Straße angesprochen und ihn gefragt, ob er nicht eine Ausbildung als Tischler machen möchte. Die Sozialabteilung der Diözese Harar, ebenfalls ein Projektpartner der Dreikönigsaktion, unterstützt in einem Zentrum 300 Voll- und Halbwaisen, Straßenkinder und gefährdete Kinder von Eltern mit geringem Einkommen, so genannte „Sozialwaisen“. Sie erhalten medizinische Versorgung, psychosoziale Betreuung, Schulbildung und Ausbildungslehrgänge als Tischler, Friseure, Schlosser oder Mechaniker. Bei den 18-monatigen berufspraktischen Ausbildungen werden jugendliche Straßenkinder an private Unternehmen vermittelt. Tesfaye Tole hat diese Chance, eine Tischlerlehre zu absolvieren, ergriffen und es ist ihm gelungen, von der Straße wegzukommen. Doch am Anfang war es schwer. „Die ersten drei Monate gab es noch kein Geld und ich musste weiterhin auf der Straße übernachten.“ Danach bekam er pro Tag fünf Birr, umgerechnet 20 Eurocent. So konnte er sich gemeinsam mit anderen Jugendlichen, die eine ähnliche Ausbildung absolvierten, ein kleines Quartier teilen. Mittlerweile ist Tesfaye Tole fix bei der Tischlerei angestellt, bekommt 60 Euro pro Monat und hat nun eine eigene Unterkunft. Er hat es geschafft. Das Leben auf der Straße ist für ihn Vergangenheit.
Zur Sache
Straßenkinder und Kinderarbeit
Die Zahl der Straßenkinder weltweit wird auf 100 Millionen geschätzt. Viele von ihnen sind von ausbeuterischer Kinderarbeit betroffen. Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) sind es global 215 Millionen Kinder, die schwer arbeiten müssen, nicht Kind sein dürfen und nicht zur Schule gehen können. Die gesundheitlichen Schäden durch die Schufterei in Steinbrüchen oder Schuhfabriken sind enorm. Zum Welttag gegen Kinderarbeit am 12. Juni ruft die Dreikönigsaktion (DKA) dazu auf, die Ausbeutung von Kindern zu stoppen und aktiv etwas dagegen zu unternehmen – mit der Forderung an Politik und Wirtschaft, sich gegen ausbeuterische Kinderarbeit einzusetzen; mit dem Kauf von Waren aus sozialverträglicher Produktion mit „Fairtrade“-Gütesiegel oder mit der finanziellen Unterstützung eines Partnerprojekts für arbeitende Straßenkinder.
„Partner/in unter gutem Stern“
Die Dreikönigsaktion bietet mit ihrer Projektpartnerschaft „Partner/in unter gutem Stern“ die Möglichkeit, Menschen in Afrika, Asien oder Lateinamerika gezielt zu unterstützen. Privatpersonen, Pfarren, Gemeinden, Firmen oder Schulen können sich dabei konkret für ein Partnerprojekt entscheiden und somit ganz bewusst Menschen vor Ort fördern. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Projekte in den unterschiedlichen Ländern sind vielfältig und reichen von Straßenkindern und Kinderrechten, Sicherung von Nahrung und Trinkwasser bis hin zu Bildung als Schlüssel gegen Armut, Menschenrechte und Schutz von Minderheiten.
Infos unter: www.dka.at/pugs DKA-Spendenkonto: PSK 93000330, BLZ 60000; Kennwort: Schutz für Straßenkinder