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Von Null auf Hundert

Einsatz beim Roten Kreuz: Thomas Hrach ist immer auf alles gefasst
Ausgabe: 2001/34, Rotes Kreuz, Unfall, Tod, Rettung, Rettungszentrale, Notfälle,
21.08.2001
- Markus Schwaigkofler
Rettungszentrale Feldkirch, 18.45 Uhr. Einsatzbeginn für Thomas Hrach. Er checkt das Rettungsauto, prüft den Notfallkoffer. Alles in Ordnung. Zurück im Aufenthaltsraum übernimmt er den Piepser. Nun ist er bereit.

Seit zehn Jahren ist Thomas ehrenamtlich beim Roten Kreuz tätig. Mit 13 ging er zum Jugendrotkreuz, mit 18 wurde er im Militär zum Sanitäter ausgebildet, mit 19 wurde er Einsatzbegleiter der Rettung. Einmal in der Woche, entweder in der Nacht oder am Sonntag, hat er freiwilligen Bereitschaftsdienst. Er wartet in der Zentrale auf seinen Einsatz. So wie heute.

Thomas ist 23 Jahre alt und kommt aus Frastanz. Für die Arbeit beim Roten Kreuz ist er familiär vorbelastet. Großvater und Vater arbeiten mit. Seine persönliche Motivation für ein Engagement beim Roten Kreuz war die Arbeit am und mit Menschen. Seit Jahresbeginn hat sich Thomas nun auch beruflich verändert. Er gab seine Arbeitsstelle bei der Bank auf und wechselte als Sekretär zur Blutspendebank des Roten Kreuzes. Aber das ist eine andere Geschichte.

Routine und Notfälle

Die meisten seiner Einsätze betreffen Krankenhaustransporte. Zum Glück: Notfälle sind nicht so häufig. Rund 80 Prozent der Einsatzdienste sind Krankentransporte. Das ist undramatisch. Schwangere oder ältere Menschen werden ins Krankenhaus gebracht. Ganz anders sind Notfälle. Hier muss alles äußerst schnell gehen. Sekunden können zwischen Leben und Tod entscheiden. Mit Blaulicht geht es zum Unfallort. Dort wird Erste Hilfe geleistet und eventuell der Notarzt verständigt. Anschließend heißt es dann: ab ins Krankenhaus.

Sekunden entscheiden

Für Thomas sind Notfälle oft sehr belastend. Einmal leistete er nach einem Unfall einem Mann Erstversorgung und fuhr dann mit ihm ins Krankenhaus. Doch der Zustand des Mannes verschlechterte sich immer mehr. „Ich sterbe, ich sterbe“ waren seine letzten Worte. Im Moment der Übergabe an das Pflegepersonal trat ein Herzstillstand ein. Thomas weiß nicht, was mit diesem Mann, einem Holländer, passiert ist. Er hat seine Aufgabe erfüllt. Nach solchen Ereignissen ist es wichtig, darüber zu reden. Mit den Eltern oder den Kameraden arbeitet er belastende Erlebnisse auf.
Früher, erzählt Thomas, habe er so wie alle anderen Neueinsteiger geradezu auf einen Notfall gewartet, um das Gelernte anwenden zu können. „Notfallgeil“ nennt man das beim Roten Kreuz. Mittlerweile ist das ganz anders geworden. Bis Mitternacht ist es ihm egal, ob Anrufe kommen. Ab Mitternacht möchte Thomas aber schlafen. Schließlich hat er morgen wieder zu arbeiten.
21 Uhr. Immer noch kein Anruf. Thomas begibt sich zum Internet, um seine Mails zu checken. Plötzlich: ein Piepston. Ein kurzes Aufhorchen. Dann schreibt Thomas sein Mail zu Ende. Schließlich weiß er aufgrund des Ruftons, dass es einen Krankentransport durchzuführen gibt. Hier hat er ein wenig Zeit. Es geht ja nicht um Sekunden.

Ein offenes Ohr schenken

Zwei Stunden später kommt Thomas zurück. Eine ältere Dame wurde zur Dialyse, zum Blutaustausch gebracht. Die alleinstehende Dame war froh, jemanden wie Thomas zum Reden zu haben. Den Umgang mit Menschen hat er auf jeden Fall gelernt. Es bereitet ihm keine Mühe mehr, ein offenes Ohr zu schenken. Auch hat ihm seine Arbeit eine andere Seite des Lebens gezeigt. Thomas ist froh, gesund zu sein. Er genießt das Leben und jammert nicht. Schließlich hat er viele alte und sehr kranke Menschen kennen gelernt. Diese klagen nicht und halten tapfer durch. Sie sind Vorbilder für Thomas. Nun ist es kurz nach Mitternacht. Zeit für das Bett. Thomas legt sich schlafen. Doch ein richtiger Schlaf wird für ihn nicht möglich sein. Denn eines ist gewiss: „Im Hinterkopf ist immer der Piepser.“ Und Thomas fügt nach einem Moment hinzu: „Ich weiß nicht, was mich erwartet. Aber wenn ein Notruf kommt, dann muss ich augenblicklich von Null auf Hundert sein.“
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