Gesamtinterview zur Debatte Jugend und Lebensschutz
Ausgabe: 2001/34, Leben, Aktion Leben, Katholische Jugend, Runder Tisch, Jugend für das leben, Schwarz, Schmidinger, Jugendstelle, Abtreibung,
21.08.2001
Positionen, Fundamente und Methoden, wie das Leben von der Empfängnis an geschützt werden kann, diskutierten Mag.a Ursula Schmidinger von der Katholischen Jugend Oberösterreich (KJ) und Jugend für das Leben-Aktivist Johannes M. Schwarz am "Runden Tisch" der Kirchenzeitung der Diözese Linz.
Wofür stehen ihre Bewegungen?
Schwarz: Jugend für das Leben steht für junge engagierte Menschen, die sich zum Ziel gesetzt haben, in einem Bereich, in dem unserer Meinung nach sehr wenig getan wird, zu handeln: nämlich im Bereich umfassender Schutz des Lebens. Wir sind in Oberösterreich ein Gruppe von ca. zwanzig Jugendlichen im Alter von 15 bis 25 Jahren, die von vielen Sympathisanten in konkreten Aktionen unterstützt werden.
Schmidinger: Die Katholische Jugend OÖ ist Hauptträgerin in der kirchlichen Jugendarbeit in der Diözese Linz. Wir sind vom Bischof dazu beauftragt. Ausgehend von der Lebensrealität der jungen Menschen ist die KJ bemüht, den Jugendlichen einen lebendigen und tragenden Glauben zu vermitteln. Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Formen, von der Gruppenarbeit in der Pfarre angefangen bis hin zur Projektarbeit, in der offenen Jugendarbeit ebenso wie in Jugendzentren. In einem gut funktionierenden Netz von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter/innen werden in OÖ kontinuierlich rund 15.000 Jugendliche begleitet.
Warum gab oder gibt es Spannungen zwischen beiden Jugendorganisationen?
Schwarz: Vorne weg, man kann Jugend für das Leben mit der Katholischen Jugend schwer vergleichen. Wir haben uns einzig den Schutz des ungeborenen Lebens zum Thema gewählt. Ausschlaggebend für die Gründung der Initiative war der Familienkongress 1989, bei dem einer Reihe von jungen Katholiken aus einem Gebetskreis die Wichtigkeit dieses konkreten Themas bewusst wurde. Bald haben wir unser Themenfeld aufgrund innerer Zusammenhänge erweitert und den ganzen Bereich der Liebe und Sexualität hineingenommen. Es gibt auch direkte Überschneidungen der zwei Bereiche, da manche sogenannte "Verhütungsmittel" nidationshemmend und somit abtreibend wirken; die Spirale zum Beispiel oder bestimmte Formen der Pille, die die Einnistung einer befruchteten Eizelle verhindern.Viele andere Themen, die das Menschenbild unserer Gesellschaft bestimmen, kommen zudem hinzu. Gentechnik und Euthanasie betreffen ebenfalls den umfassenden Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Grundlage unserer Arbeit ist das päpstliche Rundschreiben Evangelium Vitae. Wir haben aber natürlich kein Problem mit Gruppen, die in anderen Bereichen aktiv sind.
Können Sie eine Kernaussage aus der Enzyklika von Papst Johannes Paul II nennen, die die Position von Jugend für das Leben zusammenfasst?
Schwarz: In Bezug auf eventuelle Unterschiede zu anderen Gruppierungen, wie der Aktion Leben, schließen wir uns voll und ganz dem Lehramt der katholischen Kirche an. So gilt für uns auch Abschnitt 91 von Evangelium Vitae, in dem es heißt: "Es ist daher sittlich unannehmbar, dass man wegen der Geburtenregelung zur Anwendung von Mitteln wie Empfängnisverhütung, Sterilisation und Abtreibung ermutigt." Mag. Gerda Peschke, damals Generalsekretärin der Aktion Leben Österreich, schrieb im Vorwort zur 1993 erschienenen Broschüre "Das 1x1 der Empfängnisverhütung": "Empfängnisverhütung hingegen (und zwar natürliche und künstliche Methoden wie z.B. die Pille) ist nicht nur nichts Schlechtes, sondern ein Gebot so mancher Stunde..." Daher ergeben sich natürlich dann auch inhaltliche Differenzen.
Nochmals zurück: Warum keine Zusammenarbeit?
Schmidinger: In unserer Jugendarbeit ist das Thema des umfassenden Lebensschutzes eingebettet in die gesamte Tätigkeit und ist nicht isoliert als Thema, es fließt in die tägliche Arbeit ein. Bei uns arbeitet die Jugendbeauftragte der Aktion Leben im Bereich der Sexualpädagogik, Bioethik, Gentechnik, Euthanasie. Uns ist Beziehungs-, Bildungs- und fundierte Grundlagenarbeit wichtig, die nicht im Aktionismus stehen bleibt. Es ist zuwenig, den Finger auf die Wunde zu legen und zu sagen: Es gibt Bereiche, wo das Leben nicht geschützt ist, man muss etwas ändern. Veränderung kann nur durch entsprechende Hintergrundarbeit und durch den Aufbau einer Vertrauens- und Gesprächsbasis entstehen. Die Methoden von Jugend für das Leben bezeichne ich in diesem Zusammenhang als unsensible Methoden. Ich finde es nicht o.k., vor Abtreibungskliniken zu demonstrieren und damit Frauen noch mehr in Bedrängnis zu bringen, die schon in einer Notsituation sind. Es geht einfach um eine sehr differenzierte Auseinandersetzung mit den Betroffenen – ohne Abtreibung gutzuheißen. Wie sieht Jugend für das Leben ihre Methoden ?
Schwarz: Vor allem gehen wir in Schulen, um Vorträge zu halten und das kommt sehr gut an. Darüber hinaus machen wir öffentlichkeitswirksame Aktionen wie kürzlich die Aktion Eva. Das und die Pro-Life-Märsche, die wir von 1997 bis 1999 durchgeführt haben, haben zur größten Abtreibungsdebatte seit der Fristenlösung geführt, in der auch wieder konkrete gesetzliche Verbesserungen diskutiert wurden. Und diese sind dringend nötig. So ist es in Österreich möglich, ein (schwer) behindertes Kind bis zur Geburt abtreiben zu lassen. Österreichs Bischöfe sagen, dass die Kirche sich nie mit der Fristenlösung abfinden kann und dass sie immer eine offene Wunde bleiben wird. Auf diese Wunde einen Finger zu legen mag manchmal weh tun, auch Leuten in der Kirche, die sehr lange dazu geschwiegen haben.
Meine Frage an die Katholische Jugend: Könnt ihr ein Nebeneinander der Methoden akzeptieren?
Schmidinger: Ja, solange sie nicht radikal sind.
Schwarz: Sind unsere Methoden radikal? Oder anders: Würdest du unseren Aktionen die Sinnhaftigkeit absprechen?
Am Film "Der stumme Schrei" scheiden sich die Geister
Schmidinger: Die Katholische Jugend wie wahrscheinlich alle Organisationen, die sich im Bereich des Lebensschutzes engagieren, begrüßt jede Gruppierung, die das Thema aufgreift. Es geht nicht um Ausschließlichkeit, aber sehr wohl um die Art und Weise, wie mit dem Thema des Lebensschutzes umgegangen wird. Ihr verwendet bei euren Schuleinsätzen Medien, die ich als bedenklich und radikal einstufe. Zum Beispiel den Film "Der Stumme Schrei".
Schwarz: Unabhängig vom Film und seinem Wert, wird dieser fast nie gezeigt, da wir die Zeit im Unterricht dazu gar nicht haben. Aber es gibt Lehrer, die ihn, wenn sie das Thema durchmachen, herzeigen.
Schmidinger: Aber "Der Stumme Schrei" ist auf eurer Medienliste. Wenn solche Filme eingesetzt werden, muss das in sehr begleitetem Umgang passieren.
Schwarz: Die Radikalität besteht in diesem Film ...?Abschrecken oder Aufwecken?
Schmidinger: ... in der kompletten Abschreckung. Da werden Bilder gezeigt, die sind nicht einfach zu verarbeiten. Da muss ich die jungen Leute kennen, ob ich ihnen das zumuten kann oder nicht. Ich weiß zum Beispiel nicht, dass ihr jemals bereit gewesen seid mit der Aktion Leben und dem Medienreferat der Diözese Linz pädagogisch ausgewählte Materialien zusammenzustellen. Ich will, dass mit Jugendlichen pädagogisch sauber gearbeitet wird. Ich kann nicht akzeptieren, dass Jugendlichen zum Beispiel auf der Straße etwas in die Hand gedrückt wird, was nur abschreckt wie bei der "Aktion Eva" die Schleife mit dem Aufdruck "Gratulation. Du hast überlebt!".
Schwarz: Ich denke sie werden nicht abgeschreckt, sondern aufgeweckt. Wenn junge Leute in das KZ nach Mauthausen fahren, dann sind sie auch entsetzt, was dort passiert ist, und es wäre schlimm, wäre dem nicht so. Aber zurück zum Unterricht: Wir gehen nicht aus heiterem Himmel in die Klassen, wir sind eingeladen, weil der Lebensschutz Thema ist. Vorher und nachher wird mit den Schülern über das Thema und Schwierigkeiten gesprochen. Das geschieht im Rahmen des Vortrags mit uns und in anderen Stunden mit dem Lehrer. Wir gehen als Jugendliche zu Jugendlichen und informieren die Jugendlichen über die Problematik, die Entwicklung des Kindes, Abtreibung, Folgen der Abtreibung für die Mutter, die ebenfalls oft Opfer ist und unter den physischen und psychischen Folgen leidet, und wie man in seinem persönlichen Umfeld versuchen kann zu helfen. Dazu muss man kein Experte sein. 76% der Frauen, die eine Abtreibung hinter sich haben, geben an, sie hätten sich unter positivem Einfluss für das Kind entschieden. Wir erleben immer wieder, dass dies stimmt. Die Situation ist nicht immer leicht, aber wir sind alle gefordert.
Schmidinger: Der KJ ist Fachlichkeit, professionelle Zusammenarbeit und konkrete Hilfe wichtig. Dabei geht es um Sensibilität im Umgang mit Methoden und Medien. Bei den Themen des Lebensschutzes braucht es Kontinuität, eine Vertrauensbasis, Hintergrundarbeit und Nacharbeit. Das ist ganz wesentlich. Es darf nicht nur beim Aufrütteln bleiben. Weiters ist für mich wichtig, dass Kontakte zu professionellen Beratungsstellen zustande kommen. Meine Frage: Arbeitet ihr zum Beispiel mit der Beratungsstelle Zoe zusammen?
Schwarz: Wir versuchen konkret zu helfen. Wo dies unsere Kompetenz übersteigt, heißt Hilfe für uns vor allem Weitervermittlung. Für materielle Hilfe gibt es oft schnell einen Lösung. Jemand braucht vorübergehend eine Wohnung oder finanzielle Hilfe. Es gibt diözesane Hilfsfonds, die Caritas und auch andere Gruppen, welche die Mittel dafür haben. Bei Beratungen auch für das PAS (Post Abortion Syndrom – Syndrom nach einer Abtreibung) arbeiten wir in Linz mit Psychotherapeuten zusammen, die sich auf diesen Bereich spezialisiert haben.
Angelpunkt: Das Verhältnis zur Aktion Leben
Schmidinger: Ich möchte gerne wissen, auf welchen fachlichen Grundlagen ihr arbeitet?
Schwarz: Wenn sich die Frage auf inhaltliche Punkte bezieht, ist unsere Grundlage die entsprechende Fachliteratur oder in anderen Punkten die konkrete Lebenserfahrung von Betroffenen. Die gesetzliche Situation ist dem Strafgesetzbuch entnommen. Über die Entwicklung des Kindes gibt es ausreichend Material in faszinierenden Bildern und entsprechender Fachliteratur. Was die Folgen der Abtreibung betrifft, gibt es einerseits statistische Werte für verschiedene Länder sowie Austausch mit Erfahrungen von Selbsthilfegruppen für das PAS (Post Abortion Syndrom) wie Rahel oder Ephata. Wenn die Frage die Kooperation mit anderen Gruppierungen betrifft, sei auf jene die ich bereits genannt habe verwiesen. Es sei jedoch erwähnt, dass wir inhaltliche Differenzen zumindest mit der "Leitung" der Aktion Leben haben. Nicht mit verschiedenen Mitarbeitern. In der "Verhütungsbroschüre" der Aktion Leben wird zwar die nidationshemmende Wirkung der meisten Pillenpräparate erwähnt, aber das Vorkommen in der Praxis minimiert bzw. geleugnet. Dass sich in den Broschüren der Aktion Leben Inhalte, die nicht auf derselben Grundlage wie Evangelium Vitae stehen, befinden, wurde ja schon zuvor hingewiesen. Deswegen haben wir ein emotionelles Problem, dort jemanden hinzuschicken. Aber auch innerhalb der Aktion Leben gibt es Unterschiede und wir haben schon des Öfteren gut mit Leuten vor Ort zusammengearbeitet.
Welche Möglichkeiten zu helfen hat Jugend für das Leben selbst?
Schwarz: Das eine ist die Vorbeugung durch Information, wie es zum Beispiel in den Schuleinsätzen zur Sexualität und auch zur Abtreibung passiert. Das ist vielleicht die größte Hilfe, die man geben kann – versuchen da zu sein bevor es zu einer schwierigen Situation kommt. Für Beratung vermitteln wir an eine Psychotherapeutin, die sich speziell für solche Frauen einsetzt. Oft ist aber auch persönlicher oder materieller Einsatz gefragt. Zum Beispiel für ein Mädchen, das auswärts wohnt aber in Linz zur Schule geht, für ein Semester eine Unterkunft und Heim zu finden, da sie mit dem Kind nicht zuhause, weil zu weit weg, aber auch nicht im Internat wohnen kann. Bis jetzt war es uns immer möglich einen Weg zu finden. Oft hat sich auch, was anfangs als Problem da stand, von selbst gelöst. Wichtig ist siche