Mit der ersten freien Wahl am 30. August kommt Osttimor der Selbständigkeit einen Schritt näher.
Der 30. August ist zum zweiten Mal ein entscheidendes Datum für Osttimor. 1999 ging es um die Frage der Unabhängigkeit von Indonesien. Diese Woche steht die verfassungsgebende Versammlung zur Wahl: um die 88 Sitze werben 16 Parteien unter den 409.019 Wahlberechtigten. 1999 folgten dem einhelligen Votum zur Selbständigkeit Gewaltexzesse, bei denen in weniger als drei Wochen über 1000 Menschen getötet wurden. Pro-indonesische Milizen verübten eine systematische und geplante Vernichtung. Bei ihrer Ankunft am 20. September 1999 konnten die UNO-Blauhelme ihre Füße nur mehr auf ein verbranntes und zerstörtes Land setzen. „Es ist für mich nach wie vor unvortsellbar, wie innerhalb so kurzer Zeit ein Land derart dem Erdboden gleich gemacht werden kann“, meint Johannes Trimmel nach seiner Rückkehr aus Osttimor. „Aber erstaunlich viel wurde seither für den Wiederaufbau geleistet“, sagt der Mitarbeiter der Dreikönigsaktion (DKA) der Katholischen Jungschar.
„Auch wenn diese beiden Jahre schwer genug waren, die schwierigste Zeit steht noch bevor.“ Denn mittlerweile verlassen wieder viele Hilfsorganisationen den Einsatzort. Damit gehen den aufgebauten Projekten die Fachleute verloren. Zu wenige ausgebildete Timoresen stehen zur Verfügung. Das gilt für den Gesundheits- und Sozialbereich ebenso wie für Schule oder Verwaltung.
Drohende Tragödie
Wann Osttimor in die völlige Unabhängigkeit entlassen wird ist noch unklar. Noch führt die UNO im Namen der Staatengemeinschaft die Übergangsverwaltung (UNTAET) in der Hauptstadt Dili, sorgen Blauhelme und UNO-Polizei für Sicherheit. Aber mit der von der UNO organisierten Wahl am 30. August kommt Osttimor der Selbständigkeit wieder einen Schritt näher. Indes mehren sich Stimmen, die vor einem allzu raschen Rückzug der UNTAET warnen. Als „Tragödie“ bezeichnete es Friedensnobelpreisträger Bischof Carlos Belo im Gespräch mit Johannes Trimmel, würden sich die UNO-Verwalter tatsächlich bald nach den Wahlen, gesprochen wird bereits vom Februar 2002, aus Dili verabschieden. Die Entscheidung, wie lange die Experten der Exkolonie Portugals beim Aufbau des selbständigen Staates – nach 25-jähriger Unterdrückung durch Indonesien – helfen werden, trifft der Weltsicherheitsrat. Doch nicht alle seine Mitglieder verfolgen Interessen in Osttimor. Frankreich, das jede Entscheidung blockieren kann, könnten die frei werdenden UNO-Mittel in manch afrikanischem Land mehr Nutzen bringen. Dabei bietet Osttimor für die UNO, aber auch für Europa und die USA, eine Möglichkeit, aus begangenen Fehlern zu lernen. „Sie könnten zeigen, wie aus einer so schwierigen Situation heraus ein Land entstehen kann“, meint Johannes Trimmel von der Dreikönigsaktion. Ob auch die Hilfe der Staatengemeinschaft für Osttimor unter einem guten Stern steht, werden die kommenden Wochen zeigen. Oder Osttimor stürzt, als Resultat der ersten freien Wahlen, erneut ins Chaos, wie nach der von der UNO beobachteten Abstimmung vor zwei Jahren.
Hintergrund:
Sternsinger helfen Osttimor
„Die Dreikönigsaktion wird die Zusammenarbeit mit Osttimor weiterführen oder gar noch verstärken. Denn jetzt wird unsere Hilfe noch dringender gebraucht als bisher“, sagt Johannes Trimmel. In drei Bereiche gliedert sich die Kooperation mit „Timor Aid“ (im Jahr 2000 rund 145.345 E/ zwei Mill. Schilling), die von der EU und der Bundesregierung mitfinanziert werden:
– Therapeutische Hilfe für Opfer der Gewalt in den Jahren der indonesischen Unterdrückung sowie vor und nach der Abstimmung von 1999. Besonders lokale Mitarbeiter sollen ausgebildet werden. – Lokale Gruppen aufbauen, deren Zielgruppe Frauen sind und in denen Gesundheitsfragen im Mittelpunkt stehen. – Alphabetisierung in Tetum. In der von zwei Drittel der Bevölkerung gesprochenen Sprache gibt es bisher kein Unterrichtsmaterial. Diese wird nun erstellt. Sieben von zehn Timoresen können nicht lesen oder schreiben. – Für Kinder soll in Baucau, der zweiten Diözese auf Osttimor ein eigenes Pastoralprojekt entstehen.