Dr. Irmtraud Fischer aus Bad Aussee wurde am 22. August zur neuen Präsidentin der „Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen“ gewählt. Dem Verein gehören über 500 Frauen an.
Frau Fischer, warum braucht es eine Gesellschaft für Frauen in theologischer Forschung? Fischer: Dieser Zusammenschluss von europäischen Theologinnen in der Forschung (ESWTR) hat vor allem eine wichtige Funktion in der Vernetzung von Frauen. Treffen, wie vergangene Woche in Salzburg, ermöglichen den Austausch. Nicht nur neue methodische Ansätze werden diskutiert, sondern auch Fragestellungen. Dabei werden in zweifacher Weise Grenzen überwunden: die theologischer Teilbereiche und einzelner Länder.
Welche Herausforderungen sehen Sie für feministische Theologie in Europa? Fischer: Der „gesellschaftliche Wind“ bläst Frauen derzeit nicht mehr in den Rücken, sondern wieder ins Gesicht. Die zentralen Herausforderungen sind deshalb leider noch immer die alten. Feministische Theologie muss ihren Anspruch wahrnehmen auf gesellschaftliche Veränderungen in Richtung geschlechtergerechter Gestaltung von Kultur, Recht und Religionen. Feministische Forschung kann also nicht neutral sein. Sie muss die politische Option für Frauen wahrnehmen, sonst verleugnet sie ihr Herkommen und ihre Ziele. Auch wenn die Erfolge oft lange ausbleiben, möchte ich aus eigener Erfahrung heraus alle Theologinnen ausdrücklich ermutigen, in Entscheidungsgremien mitzumischen, um so die spürbare Gegenreaktion ein wenig abzufedern.
Welche Schwerpunkte planen Sie für Ihre Arbeit als Präsidentin der ESWTR? Fischer: Wir müssen die guten Kontakte mit Theologinnen aus Zentral- und Osteuropa weiterführen und zugleich die Kontakte mit Theologinnen aus südeuropäischen Ländern intensivieren. Ein Projekt, das ich gerade plane, soll dazu den Austausch in Lehre und Forschung verstärken. Weiters steht die verstärkte Institutionalisierung von theologischer Frauenforschung an theologischen Fakultäten und Ausbildungsstätten an.
Nachwuchs fördern
Besonders wichtig ist mir auch die Nachwuchsförderung, beispielsweise durch Forschungsprojekte. So hoffen wir jenen Zirkel durchbrechen zu können, der die Entwicklung von Frauen bestimmt: Theologinnen, die keine universitäre Stelle bekommen, haben kaum Chancen sich weiter ihrer Forschung zu widmen und sich weiter zu qualifizieren. Außerdem habe ich als Vertreterin der „zweiten Generation“ eine Brückenfunktion zwischen den mittlerweile mindestens drei Generationen von feministischen Theologinnen. Denn es ist wichtig sicherzustellen, dass der Traditionsfaden feministischer Theologie im europäischen Kontext nicht abreißt.
Hintergrund:
Traditionen erneuern
„Befreiung am Ende? Am Ende Befreiung!“ war das Thema der 9. Internationalen Konferenz feministischer Theologinnen (ESWTR), die vom 19. bis 23. August im Bildungshaus St. Virgil/Salzburg stattfand. 160 christliche, jüdische und muslimische Theologinnen diskutierten die gesellschaftliche Bedeutung feministischer Theologie und machten deren erneuernde Kraft für religiöse Traditionen deutlich.
Die Rabbinerin Eveline Goodman-Thau ermutigte die Frauen, die Verantwortung für die Tradition selbst in die Hand zu nehmen und nicht auf die Anerkennung der Institutionen zu warten.Marcella Althaus-Reid, die Argentinierin lehrt in Schottland, zeigte die fehlende Auseinandersetzung mit dem sexuellen Kontext theologischer Ansätze auf. Die US-amerikanerin Lucy Tatman, zuletzt in Budapest tätig, forderte ihre Kolleginnen auf, nicht aufzuhören theologisches Wissen zu produzieren, „das Leben verändert“.Weitere Referate gaben Einblicke in die Tätigkeit muslimischer Feministinnen und die Arbeit mit den Erinnerungen von Frauen in den ehemals sozialistischen Ländern Osteuropas. Im Schlussreferat benannte Mary Grey aus Großbritannien die globale Krise als spirituelle Krise. Der Einsatz für weitreichende religiöse und gesellschaftliche Veränderungen sei zentrale Aufgabe für Theologinnen. Mit großer Selbstverständlichkeit wurden gemeinsame Liturgien gefeiert – von der muslimischen Meditation bis zur ökumenischen Eucharistie. Dieser standen Teilneh-merinnen vor: eine anglikanische, eine altkatholische und eine protestantische Priesterin.
Zur Person:
Dr. Irmtraud Fischer wurde 1957 in Bad Aussee geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Volksschullehrerin studierte sie katholische Theologie in Graz, wo sie von 1983 bis 1994 auch als Universitätsassistentin am Institut für alttestamentliche Bibelwissenschaft tätig war. 1997 wurde siezur Universitäts-Professorin für Altes Testament und Theologische Frauenforschung an die katholisch-theologische Fakultät in Bonn berufen.