Es ist kein Honigschlecken. Das ist weit weg von unserer bürgerlichen Verniedlichung Gottes zum „Gott der Liebe“. Das ist nicht der private „liebe Gott“, der immer dann da ist, wenn man ihn braucht. Der – weil er so lieb ist – eigentlich nur mehr das „Seid lieb und nett zueinander“ in den Predigten auslöst.
In vergangenen Jahrhunderten – als man sich vor Gott fürchtete –, da war eines sehr viel deutlicher: Gott ist der wirkmächtige Herr der Welt. Er greift in unsere Wirklichkeit ein, überall und durchaus mit Gewalt. Ein strenger und gerechter Richter eben.
Nun, es ist klar, diese Projektion der moralischen Regelungsbedürfnisse war ein verzerrtes Gottesbild, das Generationen niedergeknechtet und in der Entfaltung des eigenen Lebens beschnitten hat. Keine Frage, dass es segensreich war, dass diese Verzerrung unseres Redens von Gott durchschaut wurde und dass der gemeine Missbrauch, der da „im Namen Gottes“ getrieben wurde, abgestellt wurde. Niemand wünscht sich das zurück. Man hat sich der „Liebe“ Gottes wieder erinnert. Das hatte seine große historische Berechtigung.
Aber was haben wir daraus gemacht: Wir haben Gott verniedlicht, privatisiert, domestiziert. Aus dem Urgrund allen Seins, das unsere Wirklichkeit schafft und lenkt, wurde ein privater persönlicher Coach, der vor allem das je eigene spontane Wohlbefinden im Sinne hat. Ein „lieber Gott“, dessen Hauptinteresse der ordentliche Umgang mit den persönlichen Beziehungsgeschehen ist. Das „Religiöse“ ist was für die persönliche Intimsphäre.
Daneben gibt es zwar eine christliche Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die sich um Gerechtigkeit und Frieden bemüht. Aber der Zugang scheint mir zumeist ein „sozialethischer“, das heißt, das individuelle Bemühen des Einzelnen, das faire Engagement z. B. des Firmenchefs, das korrekte Handeln im eigenen Umfeld ist im Blick. Dagegen ist natürlich nichts zu sagen. Wichtig und unersetzlich.
Aber der allmächtige Seinsgrund, der aus sich die Wirklichkeit führt, das Weltganze übersteigt und ihm zugleich innewohnt und der die Geschicke lenkt, das muten wir Gott nicht zu. Nur mehr in Randbereichen, wenn Urgewalten in unsere klinische, zentralgeheizte mitteleuropäische Wirklichkeit einbrechen, dann blitzt diese Dimension des Seins durch.
Im tiefen Grund unseres Seins spüren wir es aber: Gott handelt von sich aus, kann uns Angst einjagen und gefährlich werden, er fordert die Welt heraus. Die Wirklichkeit fußt in Gott und mündet in Gott.