Die Kirchen Österreichs tragen Wesentliches dazu bei, dass der „soziale Grundwasserspiegel“ im Land noch hält. Viele Aktive aber fürchten, dass die Brunnen der Solidarität bald vertrocknen könnten
.Mit ihrem Sozialwort-Projekt haben die 14 christlichen Kirchen Österreichs Neuland betreten. In keinem anderen Land ist bisher eine derart breite Zusammenarbeit versucht worden. Der erste Schritt ist gelungen. Aus allen Kirchen haben sich lokale Gruppen (309), regionale Netzwerke und Einrichtungen (65) und bundesweite Organisationen (67) an der sozialen Standortbestimmung beteiligt. Im Sozialbericht, der diese Woche vorgelegt wurde, wird eine beeindruckende und bunte Palette von gelebter christlicher Solidarität und sozialpolitischem Engagement sichtbar gemacht. Gleichzeitig machen die durchwegs sehr praxisorientierten Eingaben die ernste Sorge um den sozialen Zusammenhalt im Land deutlich. Dies äußert sich in selbstkritischen Überlegungen, ob christliche Sozialarbeit tatsächlich an den Brennpunkten der Not geleistet wird, ebenso wie in klaren Forderungen an die Gesellschaft und Politik.
Kritik am Rückzug
Als bedrohliche Entwicklungen, die das soziale Engagement überschatten, werden unter anderem genannt: – Die finanziellen Mittel des Staates für soziale Zwecke werden zunehmend knapper. Das führt dazu, dass Subventionen für Sozialprojekte, die meist von viel ehrenamtlichem Engagement mitgetragen werden, sowohl geringer als auch – wegen der meist kurzfristigen Vergabe – immer schwerer planbar werden.
– Gleichzeit wird ein starker Trend zur Auslagerung der Zuständigkeit des Staates im Sozialbereich an private Trägerorganisationen spürbar – etwa in der Flüchtlingsbetreuung, bei der Begleitung Schwerkranker oder in der Betreuung von alten Menschen und Langzeitarbeitslosen. Für kirchliche Sozialdienste bedeutet das höhere Professionalität auch bei ehrenamtlichen Mitarbeitern (Ausbildung), wachsende, unabgegoltene Verwaltungskosten und eine Dumping-Konkurrenz zu Lasten der Qualität.
– Die wachsende Alterspyramide, die steigenden gesellschaftlichen Erwartungen an Betreuung (z. B. Sterbebegleitung), tiefgreifene Veränderungen in der Arbeitswelt mit vielen „Verlierern“ sowie verschiedene „neue Krankheiten“ führen zu einer deutlichen Zunahme von „Bedürftigen“ und personalintensiven Betreuungsaufgaben, die vom Staat vielfach nicht wahrgenommen werden.
Ansprüche vorgelegt
Viele im Sozialbereich aktive Christen und Organisationen erwarten sich von der Politik eine größere Aufmerksamkeit für soziale Probleme, besonders dort, wo es um die existentielle Grundsicherung geht – z. B. Ausbau des letzten Netzes Sozialhilfe und unbürokratischer Zugang. Sie fordern die Förderung privater sozialer Initiativen durch eine Aufwertung des Ehrenamtes (Versicherungsschutz, Freistellung für Weiterbildung, Pensionsanrechnung) und die Steuerabsetzbarkeit von Spenden. Weiter auf dem „Wunschzettel“ stehen eine menschenwürdigere Asyl- und Ausländerpolitik, eine Stärkung der Frauen-, Kinder- und Familienrechte oder eine nachdrücklichere Friedens- und Sozialerziehung in der Schule.
Die Schere tut sich auf
Besorgt äußern sich viele Einsender über die immer weiter aufgehende Schere zwischen dem, was an gesellschaftlichem und persönlichem sozialem Engagement nötig wäre, und der sinkenden Bereitschaft dazu. Daraus entstehe eine dramatische Verknappung der finanziellen und personellen Ressourcen. Bemerkenswert ist, dass jene, die mitten im sozialen Engagement stehen, den Eindruck haben, dass die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitarbeit – auch auf Grund der sinkenden Attraktivität der Kirchen – ebenso zurückgehe wie die Spendenbereitschaft. Beides wird durch Studien und Bilanzen, die eine Zunahme des ehrenamtlichen Engagements im kirchlichen Bereich und weiterhin gute Spendenergebnisse auswiesen, nicht bestätigt. Der Grund für diese unterschiedliche Wahrnehmung könnte darin liegen, dass viele Ehrenamtliche unter der wachsenden Aufgabenlast leiden. Von den Kirchen wird eine mutigere und konsequentere Option für die Armen, Benachteiligten und „Anderen“ gefordert sowie ein deutlicheres sozialpolitisches Auftreten, das Unrecht klar benennt und Chancengleichheit einfordert.
Im Gepräch: P. Dr. Alois Riedlsperger (Kath. Sozialakademie) ist Koordinator der ökumenischen Arbeitsgruppe.
Oft bis an die Grenzen
Was hat Sie in der ersten Phase des Sozialwort-Prozesses am meisten beeindruckt?
Riedlsperger: Ich bin überzeugt, dass es sich schon jetzt gelohnt hat, dass dieses Sozialwort auf einer so breiten ökumenischen Basis angelegt wurde. Wenn ich die mehr als 500 Eingaben anschaue, dann erfahre ich eine ganze Menge darüber, wie ernst alle Kirchen den Auftrag Jesu zur Solidarität und Nächstenliebe nehmen. Und ich gebe zu, dass ich überrascht und beeindruckt bin, wie gerade kleine Kirchen oft bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten sozial engagiert sind. Ich nenne hier als Beispiel, was gerade die Kirchen aus der östlichen Tradition für ausländische Mitbürger tun.
Was ist für Sie die herausragende Botschaft?
Riedlsperger: Das lässt sich so einfach nicht sagen, weil die sehr freimütige formulierten Eingaben in manchen Fragen durchaus kontroversiell sind. Eines aber hat mich doch sehr nachdenklich gemacht: Viele Leute, die durch ihre soziale Praxis nicht abgehoben daherreden, sondern sehr nahe an den Problemen sind, vermitteln den Eindruck, dass der Sozialabbau in unserem Land schon viel weiter vorangeschritten ist, als wir gemeinhin glauben.
Was erwarten Sie vom vorliegenden Sozialbericht?
Riedlsperger: Einmal, dass er deutlich macht, wie wichtig christliches Engagement für unsere Gesellschaft ist, zum anderen, dass er Stoff für eine ernste Sozialdebatte liefert.
Tätigkeitsbereiche der Einsender
Wo sich die 552 Sozialbericht-Einsender engagieren (Mehrfachnennungen):
Alte und pflegebed. Menschen: 165
Armut, soziale Ausgrenzung: 161
Arbeitsbedingungen: 150
Entwicklungszusammenarbeit: 138
Flüchtlinge, Migranten: 117
Bildung, Schule: 107
Menschen mit Behinderung: 94
Frauen, Frauenpolitik: 80
Frieden, Gewaltfreiheit: 58
Gesundheitswesen: 57
Kinder, Jugend: 54
Ökologie, Umweltschutz: 46
Ehe, Familie, Beziehung: 21
Gefangen: 11
Hospiz: 9
Minderheiten:3
Sonstig: 109
552 Organisationen, Gruppen und Initiativen haben sich an der ersten Phase des Sozialwortes der christlichen Kirchen Österreichs beteiligt. Sie haben über ihre Erfahrungen in der konkreten Sozialarbeit berichtet, Schwierigkeiten aufgezeigt und Forderungen an ihre Kirche und die Politik formuliert. Umfassend, ehrlich und ungeschönt sind diese Stellungnahmen im Sozialbericht enthalten. In 22 Kapiteln wird die breite Palette des christlichen Sozialengagements dargestellt – ein Paket mit vielen beispielhaften Anregungen und brisantem Diskussionsstoff (dazu gibt es einen Antwortkupon!).
Der Sozialbericht (192 Seiten) kostet 137,6 öS (10 Euro). Bestellung und weitere Infos: Kath. Sozialakademie, Schottenring 35, 1010 Wien, Tel. 01/310 51 59. www.ksoe.at