Zeiten der Verunsicherung bergen eine große Chance in sich. Da regt sich etwas in uns, was uns selbst neu ist, was wir an uns noch gar nicht so kennen. Da spüren wir in ganz verschiedenen Situationen und Begegnungen unseres Lebens, dass Überzeugungen und Verhaltensweisen, die uns bisher Halt gegeben haben im Leben, nicht mehr tragen. Zunächst überspielen wir diese Unsicherheit oft, weil wir fürchten, unsere Glaubwürdigkeit, unsere Identität ein Stück zu verlieren. Wenn ich diese Angst kenne, kann ich sie ernst nehmen. Zugleich versuche ich, Verunsicherungen als Boten meiner Seele zu verstehen, die mich behutsam-bestimmt auffordern, Seiten in mir zu lösen, verwandeln zu lassen, die zu sehr in meinem Kopf und zu wenig in meinem ganzen Sein integriert sind. Denn die Seele ist nach C. G. Jung „das Lebendige im Menschen, das aus sich selbst Lebende und Lebensverursachende“. (. . .)
Ich kenne keine Biographie eines großen Meisters, einer wegweisenden Mystikerin, einer faszinierenden Künstlerin, eines glaubwürdigen Politikers, der/die echte Autorität ausstrahlt, die nicht auch Verunsicherungen, Krisen und Unter-brechungen aufweist. Verunsicherungen sind da in unserem Leben, damit wir mehr wir selbst werden.. „Heilig werden heißt, sich selbst werden“, sagt der Mystiker Thomas Merton. (. . .)
Solche Lebensgrundhaltungen helfen mir in Zeiten der Verunsicherung, gelassen zu werden. Sie fordern mich allerdings heraus, auch den Schmerz in meinem Leben annehmen zu können. (. . .) Da, wo Schmerz sich zeigt, wo er unaufhaltsam zu einer Veränderung in meinem Leben drängt, da versuche ich, voll ringender Gelassenheit zu vertrauen. (. . .)
In den Worten Jesu, in seiner Seligpreisung „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden“ (Mt 5, 6) erfahre ich Zurufe, die mich Verunsicherungen aushalten lassen.
Ausschnitt aus: Pierre Stutz, Meditationen zum Gelassenwerden. HERDER spektrum 2001, ca. S 120,–.