Der Besuch des Papstes in Armenien gilt nicht nur der kleinen Herde von 150.000 Katholiken. Diese Reise hat hohen ökumenischen Stellenwert: Johannes Paul II. ist offizieller Gast der armenisch-apostolischen Kirche, die heuer ihr 1700-Jahre-Jubiläum begeht.
Für den armenischen Erzbischof von Wien, Mesrob K. Krikorian, ist der Besuch des Oberhauptes der „großen katholischen Kirche“ bei der kleinen armenisch-apostolischen Schwesterkirche ein „Zeichen der besonderen Verbundenheit“. Das drückt sich auch darin aus, dass Johannes Paul während seines Armenien-Aufenthaltes in Etchmiadzin, der Residenz des Oberhauptes der armenischen Kirche, Patriarch Katholikos Karekin II., wohnen wird. Dass der Papst die 1999 wegen des Todes von Katholikos Karekin I. abgesagte Reise ausgerechnet zum 1700-Jahre-Jubiläum der Annahme des christlichen Glaubens durch das armenische Volk nachholt, wertet Krikorian als eine „Geste der besonderen Wertschätzung“.
Eine besondere Nähe
„In den letzten Jahren ist eine neue Beziehung zwischen der katholischen und armenischen Kirche gewachsen“, freut sich Erzbischof Krikorian. Eine gewisse Rolle spiele dabei sicherlich der Umstand, dass es eine persönliche Sympathie zwischen den beiden letzten Patriarchen und dem Papst gebe. „Ich war 1997 und 2000 dabei, als unsere Patriarchen den Papst in Rom besucht haben. Dabei konnte ich miterleben, wie sich Johannes Paul II. über dieses Zusammentreffen gefreut hat und mit welchem Respekt er seinen Amtsbrüdern begegnet ist. Ich erinnere mich an einen Gottesdienst im Petersdom, wo unser Katholikos und der Papst auf gleicher Höhe stehend miteinander in vielen Sprachen gebetet haben.“ Neben der persönlichen Sympathie ortet Krikorian aber auch eine besondere Hochachtung des Papstes für die armenische Kirche. Johannes Paul habe diese Kirche und ihre Geschichte schon in Polen kennen und schätzen gelernt. „Er achtet sie als eine alte, ursprüngliche Kirche, in der der christliche Glaube authentisch überliefert und gelebt wird. Und er hat einen tiefen Respekt vor dieser kleinen Kirche, die durch viele politische Wirren und Verfolgungen hindurch seit 1700 Jahren Zeugnis für Christus ablegt.“
Offene Wunde
In diesem Zusammenhang erinnert Krikorian an die Massaker an der armenischen Bevölkerung Kilikiens (1894/96) und „an die größte Tragödie“, die Vertreibung und Ermordung der armenischen Bevölkerung Ostanatoliens durch die türkische Regierung (1915 – 1917). Der jüdische Österreicher Franz Werfel habe mit seinem Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ der Vernichtung von 1,5 Millionen Armeniern ein bleibendes Denkmal gesetzt. „Die Welt aber verschließt bis heute die Augen davor, dass dies ein bürokratisch geplanter Völkermord war, obwohl viele Quellen und Augenzeugenberichte das ebenso bestätigen wie eine offizielle Untersuchung des Europarates unter der Leitung des Wiener Menschenrechtsexperten Prof. Ermacora. Die Türkei – und auch ihre Verbündeten – tun sich und der Welt nichts Gutes, solange dieses Verbrechen nicht einbekannt und eine glaubhafte Geste der Versöhnung gesetzt wird“, ist Krikorian überzeugt.
Ökumenische Hoffnung
Vom Papstbesuch erwartet sich Krikorian neben der verstärkten Aufmerksamkeit für die schwierige politische und wirtschaftliche Situation Armeniens vor allem Fortschritte in der Ökumene. Konkret wünscht er sich die Einrichtung einer katholisch-armenischen Dialogkommission und die offizielle Anerkennung der 1996 unterzeichneten katholisch-armenischen Erklärung über den gemeinsamen Glauben durch die beiden Kirchen. „In der alten Streitfrage der zwei Naturen Christi sind wir uns heute einig, ebenso was die Sakramente und die Gültigkeit der Ämter angeht. Was uns noch trennt, ist die unterschiedliche Auffassung des Petrusamtes.“
PAPSTBESUCH
Vom 22. bis 27. September reist Papst Johannes Paul II. nach Kasachstan und Armenien. Für seine vierte Reise ins Gebiet der ehemaligen Sowjetunion hat sich der Papst zwei Länder ausgesucht, die höchst unterschiedlich sind.
Kasachstan.
Das riesige Steppenland (fast achtmal so groß wie Deutschland) liegt in der Mitte des asiatischen Kontinents. Von den nur 16 Millionen Einwohner sind mehr als die Hälfte Muslime, deren religiöse Praxis als „Schamanismus mit dünnem islamischem Überzug“ bezeichnet wird; 30 Prozent sind russisch-orthodox. Katholiken gibt es zwischen 180.000 und 250.000. Sie sind – so wie auch die meisten Protestanten – durch russische Deportationen ins Land gekommen. Die Erinnerung an die Opfer der stalinistischen Deportation 1941 ist auch ein wichtiger Programmpunkt in der Papstreise. Das Zusammenleben zwischen den Religionen und Kirchen funktioniert gut.
Armenien.
Der gebirgige Kaukasus-Staat, der im Süden an die Türkei und den Iran grenzt, hat 3,6 Millionen Einwohner und ein Drittel der Fläche Österreichs. Die Armenier sind das älteste christliche Volk. 301 ließ sich König Tiridates taufen und machte das Christentum zur Staatsreligion. Zu Beginn des 5. Jh.s schuf der Mönch Mesrob die vom Griechischen abgeleitete armenische Schrift und erste Bibelübersetzung. Nach dem Konzil von Chalzedon (451) trennte sich die armenische Kirche ebenso wie die Kopten, Äthiopier, Syrer und Inder von der byzantinisch-römischen Kirche. Streitpunkt war die Auseinandersetzung, wie die göttlich-menschliche Natur Jesu zu sehen ist. Durch viele Verfolgungen und politische Wirren hindurch hat vor allem die armenisch-apostolische Kirche die Kultur und Identität des Volkes bewahrt – auch die der vier Millionen Auslandsarmenier.