Ausgabe: 2001/39, Gottes-Bilder, Psalmen, Galehr, Hebamme, Leben
25.09.2001
„Du bist es und zogst mich aus dem Schoß meiner Mutter und bargst mich an ihrer Brust.“ (Ps 11, 10) „In Gottes Namen“ wird viel geredet und getan. An welchen der Namen Gottes, an welches Bild für Gott denken die so Redenden wohl? Allein die Psalmen sind voll von unterschiedlichen Bezeichnungen für Gott, in Psalm 22 wird Gott etwa als Hebamme beschrieben, die dem Menschen ins Leben verhilft. Mitten im Klageteil des Psalmes steht dieser Satz, mitten in der Klage ist die Erinnerung an Gott als Förderin, als Hervorbringerin des Lebens:Hebamme bist du auch, Gott?Herr der Heerscharen, König und Eifersüchtiger, Hebamme sollst du sein?Beruhigend und ermutigend, neues Leben behutsam fest in Händen haltend?Unbekannt und unbequem neue Vorstellung von dir, Gott:du bist dem Leben ernsthaft,blutig nah, vom ersten erstickten Schrei an.Du als Hebamme, eine segensreiche Vorstellung.Ein schönes Bild, ja.Lob und Preis sei dir, Lebensspenderin.Wie viele Namen hat Gott denn? Im Islam gibt es eine Tradition der „hundert Namen Gottes“, von denen 99 bekannt sind, allein der Hundertste ist Geheimnis. Das ist wohl frömmstes Gebet: Gott so lange liebend zu nennen, bis dem/der Betenden die Namen schwinden.Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat Frauen eines Gesprächskreises einmal dazu aufgefordert, eine ganz eigene, persönliche Herzens-Bezeichnung zu finden, wann ihnen Gott im Alltag aufleuchtet. Sie haben ganz viele, berührende „Namen“ gefunden. Ich meine, das könnte Anstoß für uns selber sein, die eigenen Lebens-Namen für Gott zu finden; damit stehen wir ja auch im Erbe der Psalmisten. Vielleicht gehört gerade das auch zu den Herausforderungen im Glauben, im Lieben: dass die Namen des Gegenübers immer mehr, immer verwirrender werden, dass das Du immer komplexer wird, je länger wir es kennen. Und zum Schluss wissen wir weniger als am Anfang, wen wir vor uns haben. Nur das Staunen bleibt.