Herbert Schustereder ist Mitarbeiter der Caritas der Diözese Linz
Ausgabe: 2001/39, Kommentar, Schustereder, Rache, USA, Terror
25.09.2001
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Stellen Sie sich einmal vor, Sie selber hätten alle Macht der Welt und könnten alle zur Verantwortung ziehen: den Chef, die Politiker, mehr noch, sogar die Verbrecher, die Diktatoren aller Herren Länder . . . Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten dafür sorgen, dass all denen, die Blut an den Händen haben heimgezahlt wird, was sie verbrochen haben. Und sagen wir auch noch, dass Sie auch den Opfern abgelten könnten, was man ihnen zugefügt hat. Super Sache. Aber was würden Sie wirklich tun? Was wären die Strafen, die Sie verhängen würden? Den Folterer auch wieder foltern? Zumindest ein bisserl? Den Ausbeuter, den Vergewaltiger . . . ja was wohl?
Wenn Gott wirklich Recht sprechen soll über die Menschen, dann hat er viel zu tun. Unser Glaube sagt, dass Gott die Welt aus dem Blickwinkel des Opfers sieht. Das Leben, die Gerechtigkeit wird siegen. Das ist einer der Eckpfeiler des Christentums. Gott selber wird dafür sorgen, dass es zu einem gerechten Ausgleich kommen wird. Wie müsste das vor sich gehen, dass das Mädchen, das gepeinigt und missbraucht worden ist, gerächt wäre? Oder dass es wieder gerecht wäre um die Sache? Was würde Ihnen einfallen? Wenn es Ihre Tochter getroffen hätte, Sie selber?
Wie auch immer, das ist der Urgedanke des „Fegefeuers“: Es muss einen Vorgang geben, der den Peiniger seiner gerechten Strafe zuführt. Und dem Opfer muss sein Leid irgendwie vergolten werden. Wenn es das nicht gibt, dann gerät unser ganzes alltägliches Leben aus den Fugen. Weil dann die Gemeinheit der Welt ungesühnt bleibt. Und es kann und darf jeder wirklich tun und lassen, was er will.
Schon in der Bibel hat man sich diese „Zone der Gerechtigkeit“ wie ein „Gericht“ und auch mit den damals üblichen, sehr menschlichen Strafmöglichkeiten vorgestellt: Haut abziehen, Anbrennen oder Verbrennen, Einsperren, alle Qualen, die man sich halt so vorstellen kann. Dem Erfindungsreichtum waren hier nie Grenzen gesetzt. Dazu ist dann auch der Gedanke des „Reinigens“ gekommen. Wie auch immer das aussehen könnte. Das Schlechte wird abgewaschen und das ursprüngliche, saubere Sein des Menschen wiederhergestellt.
Wie groß und unbegreiflich muss Gott erst sein, wenn er aber nicht nur Strafe für den Peiniger hat, sondern auch noch dessen Leben ins Schöne führt? Und Sie hätten kein bisserl Zorn mehr? Wäre das der Himmel? Wie groß und unbegreiflich muss Gott erst sein, wenn er nicht nur den je einzelnen Menschen wiederherstellt. Sondern auch die Situationen wieder gut macht und die Verhältnisse, die Welt und die Geschichte als Ganzes.