Schicksalsstunde für die Vereinigten Staaten von Amerika
Ausgabe: 2001/39, USA, Wirtschaft, Terror, Berliner Mauer, Regan, Bush
25.09.2001
- Johannes Michael Schnarrer
Wenn Symbole fallen, ist Entscheidungszeit angesagt. Prekär wird es, wenn sich politische und wirtschaftliche Interessen mit religiösen Motiven verbinden.
Es ist nicht einmal zwölf Jahre her, als ein Symbol der Weltgeschichte fiel: die Berliner Mauer. Es war ein unglaubliches Ereignis. Viele Menschen waren wie Träumende und freuten sich über diese Fügung. Unrealistisches wurde in wenigen Tagen zur Wirklichkeit. All das geschah auf friedlichem Wege. Die Geschichte musste vom 9. November 1989 an neu geschrieben werden.Gleiches gilt für den 11. September 2001. Innerhalb von Stunden fiel das Symbol US-amerikanischen Erfolges, das World Trade Center, in sich zusammen. Der nach dem Kalten Krieg einzig verbliebene Weltpolizist war ins Herz getroffen. Und wie im Science- Fiction-Film war die ganze Welt im Fernsehen live dabei.
Das personifizierte Böse
„Nichts wird mehr so sein, wie es war.“ Bereits Stunden nach den Anschlägen von New York und Washington war der eherne Satz in den allgemeinen Sprachschatz eingegangen. Die offene Gesellschaft ist an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: dem Gebrauch der Freiheit.Diesen Gebrauch der Freiheit wünschte schon US-Präsident Reagan, für den das personifizierte Böse hinter dem Stacheldraht der Berliner Mauer herumlief. Doch nach 1989 waren die einst kommunistischen Staaten zu Freunden geworden. So hat sich ein neues Feind-Bild aufgebaut: die arabische Welt mit ihren fundamentalistischen Moslemgruppen, allen voran der Milliardär Osama Bin Laden. Die Menschen in den USA – der überwiegende Teil ist christlich (allein jeder vierte US-Amerikaner ist Katholik) – sind wieder enger zusammengerückt. Viele von ihnen deuten aktuelle Ereignisse religiös. 90 Prozent der US-Amerikaner glauben an Gott, und auf jedem Dollar-Schein heißt es: „Auf Gott vertrauen wir“. In dieser Extremsituation werden verschiedene Gefühle angesprochen: das religiöse nach Sühne, das politische nach Recht, das patriotische nach Stolz und Selbstwerterhaltung. All das bündelt sich leicht zur Euphorie. Sichtbares Zeichen dafür sind Trauergottesdienste und überall in der Welt wehende US-Flaggen. Eine Vergeltungsstimmung ist andererseits plötzlich nach oben geschwemmt, die zuletzt im Zweiten Weltkrieg zu spüren gewesen war. Die alte Polarisierung von Gut und Böse ist neuerlich aktuell. Als Hauptproblem zeigt sich, dass das Böse nicht so einfach zu definieren ist. Erklärten früher Staaten einander den Krieg, sind es jetzt „einfache Zivilisten“, die den Staat aus den Angeln hebeln wollen. Je länger die Ereignisse besonders von gläubigen und intellektuellen US-Amerikanern „behandelt werden“, umso lauter werden Stimmen, die nach Bedacht rufen. Auch dann, wenn Präsident George W. Bush unter politischem Druck ein „Böses“ benennt, um es bekämpfen zu können. Und in den letzten Tagen haben sich gar apokalyptische Werke wie die Schriften des Nostradamus zu Bestsellern entwickelt.
Schwarz-Weiß-Malerei
Es wäre fatal, würden diese Terrorakte als Kampf der Religionen angesehen, wo Fundamentalisten zum „heiligen Krieg“ aufrufen gegen die Ungläubigen (alle Nichtmuslime). Aber wer ist gläubig, wer nichtgläubig? In diesem Sinne ist es falsch, Pauschalurteile aufzustellen: „Muslime sind so“ oder „Christen sind so“. Diese Schwarz-Weiß-Malerei wird der Wirklichkeit nicht gerecht. Gerade das Christentum ist in seiner 2000-jährigen Geschichte dieser Gefahr mehrmals erlegen: Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Judenhass waren die Ergebnisse.Jetzt braucht es – wie es der Papst in seinen Enzykliken immer wieder betont – eine Allianz der Menschen guten Willens, die bereit ist, gegen den Hass zu kämpfen. Von daher geht es nicht nur um das Schicksal Einzelner, sonder um das der gesamten Weltgemeinschaft!