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Vergeltung ist keine Antwort auf Terror

USA: Geschockter „Weltpolizist“ ringt zwischen Bestrafung und Krieg
Ausgabe: 2001/39, USA, Weltpolizei, Krieg, Bestrafung, Terror, Politik, Finanz
25.09.2001
- Hans Baumgartner
„Wir werden den Krieg gegen unsere Feinde gewinnen, wir werden sie vertilgen und auslöschen.“ Mit martialischen Tönen halten amerikanische Spitzenpolitiker die Welt in Atem. Wird der „Weltpolizist“ zum Rambo? Wolfgang Palaver setzt auf die Besonnenen.

Wie amerikanische Spitzenpolitiker nach den Terroranschlägen in New York und Washington von Krieg und Vergeltung sprechen, das klingt für europäische Ohren schockierend. Man sollte deshalb aber nicht gleich den Stab über sie brechen, meint der Innsbrucker Sozialethiker mit US-Erfahrung, Dr. Wolfgang Palaver. „Auch wenn jemand persönlich angegriffen wird, denkt er in der ersten Erregung daran, wie er möglichst hart zurückschlagen kann. Für die Amerikaner war dieser massivste Angriff von außen auf das eigene Land ein unglaublicher Schock. Man sollte von da her die Erregung der ersten Tage verstehen.“ Dazu komme die Rolle als „Weltpolizist“, in der sich die USA teilweise selber sehen, in die sie aber auch hineingedrängt werden. Zu diesem Verständnis gehöre auch, dass man über die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, anders denkt, als jene, die diesem Polizisten oft nur zu gerne die Arbeit überlassen.

Hohe Verantwortung


In den USA gebe es seit hundert Jahren ein politisches Hin-und Her darüber, wie weit die USA in der Weltpolitik mitmischen soll oder nicht. Hätten sie im Zweiten Weltkrieg nicht erst 1942 eingegriffen, wäre Hitler viel früher gestoppt worden, verweist Palaver auf die negativen Folgen einer US-amerikanischen Isolationspolitik. Er habe während seines Studienaufenthaltes an der Stanford-Universität die heftige Diskussion um ein Eingreifen der USA in Bosnien miterlebt. „Da erschienen in den führenden Zeitungen zahlreiche Beiträge, die mahnten, ob Amerika bei den ethnischen Säuberungen ebenso lange zuschauen wolle wie bei den Schandtaten Hitlers. Es gibt in den USA eine große moralische Kraft, die es Amerika schwer macht, bei massiven Menschenrechts- und Völkerrechtsverletzungen nicht tätig zu werden. Und dass der Waffenstillstand in Bosnien erst möglich wurde, nachdem die USA bereit waren, 20.000 Soldaten dorthin zu schicken, sollten jene in Europa auch bedenken, die – zum Teil zu Recht – die amerikanische Großmachtpolitik und ihre Methoden kritisieren“, meint Palaver.

Keine blutige Nase


In der amerikanischen Gesellschaft gebe es aber auch isolationistische Strömungen. So erlebte Palaver die exzellente Politologin Condoleezza Rice, die jetzt Nationale Sicherheitsberaterin ist, mehrfach in Diskussionen an der Stanford-Uni. Sie vertrat die Position, die USA sollten ihre Rolle als „Weltpolizist“ aufgeben und nur dort eingreifen, wo es um ureigenste Interessen gehe, anstatt sich in fremden Konflikten blutige Nasen zu holen. Der Regierung Bush sei in den vergangenen Monaten immer wieder vorgehalten worden, dass sich die USA nur um sich und nicht um eine gedeihliche Entwicklung in der Welt kümmern – im Nahostkonflikt ebenso wie in Fragen des Klimaschutzes oder bei der Rüstungs- und Entschuldungspolitik. Manche Stimmen, so Palaver, sähen einen Zusammenhang zwischen dem passiven Verhalten der USA im israelisch-plästinensischen Konflikt und den Terror-Anschlägen. Die USA stehen derzeit vor einer schweren Entscheidung. Er hoffe, so Wolfgang Palaver, dass trotz des enormen öffentlichen Druckes nach einem raschen Gegenschlag die besonnenen Kräfte und der Einfluss der europäischen Verbündeten, die bewusst nicht von Krieg reden, die Oberhand gewinnen.

Klare Grenzen


Von der christlichen Soziallehre her ist jeder „Vergeltungsschlag“ abzulehnen, betont der Theologe und Sozialethiker. Sogar in der nicht unumstrittenen Lehre vom „gerechten Krieg“ ist jeder „Vergeltungsangriff“, um einen Täter zu bestrafen, seit Papst Pius XII. verboten. Kriegerische Akte sind nur noch im Fall der Verteidigung erlaubt, und auch dann nur, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind und das Leid Unschuldiger nicht größer ist als das drohende Übel. Neben diesem moralischen Argument spreche aber auch die politische Vernunft dafür, von kriegerischen Vergeltungsschlägen abzusehen. „Wer auf diesen unfassbaren Terror mit Militärschlägen antwortet, tötet selbst Unschuldige. Man gibt damit Leuten wie Osama bin Laden den (un)moralischen Vorwand, dass die USA und ihre Verbündeten um nichts besser seien als er. Schon jetzt rechtfertigt er ja sein Tun mit den vielen toten Kindern, die der Krieg und die Sanktionen gegen den Irak gekostet hätten.“ Vergeltungsmaßnahmen hätten auch eine Langzeitwirkung: Sie machen aus den Kindern der getroffenen Länder, die nur das Elend des Krieges begreifen, Werkzeuge des Hasses, die sich als neue Generation von Selbstmordattentätern missbrauchen lassen.

Mit Besonnenheit


Anstatt kriegerische Vergeltung zu üben sollte die weltweite Solidarität genutzt werden, um die Schuldigen auszuforschen und zu bestrafen. Das richte sich gegen Täternetzwerke ebenso wie gegen jene, die Terroristen Unterschlupf geben, oder gegen jene Hintermänner, die knapp vor den Anschlägen an den Börsen mit den Aktien der betroffenen Fluglinien und Versicherungen spekuliert haben. Weltweite Zusammenarbeit sei aber auch nötig, so Palaver, um langfristig das Klima zu ändern, um jene Missstände und Ungerechtigkeiten zu beseitigen, die den Nährboden für terroristisches Handeln bilden. So etwa ist es kein Zufall, dass die Selbstmordattentäter vor allem aus Ländern mit langen Bürgerkriegs-Konflikten wie dem Libanon und Afghanistan kommen. Palaver verweist aber auch darauf, dass die Politik hier vor Neuland stehe. So gebe es zwar, vor allem in Europa, durch wachsendes Wissen über Gewalt- und Sündenbockmechanismen eine zunehmende Hemmung, gewalttätige Konflikte mit der alten Methode des Dreinschlagens zu lösen. Die Wege, derartige Konflikte effizient und möglichst gewaltarm zu entschärfen, stecken aber noch in den Kinderschuhen.

Jeder ist gefordert


Langfristige Politik müsse sich aber auch mehr um wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit kümmern. Einfache Rezepte, wie die von den Globalisierungsgegnern geforderte Besteuerung kurzfristiger Aktientransaktionen, reichen dazu allerdings nicht, meint Palaver. Er fordert ein Nach- und Umdenken auf allen Ebenen, „das fängt schon beim kleinen Geldbörsel an. Je mehr Menschen z. B. Angst haben, dass sie keine ordentliche staatliche Pension mehr bekommen, desto mehr legen ihr Geld in privanten Vorsorgemodellen an. Die Pensionsfonds wiederum trachten, ihre Gelder möglichst gewinnbringend anzulegen und tragen damit dazu bei, die von der reellen Wirtschaft abgekoppelten, äußerst problematischen Finanzmärkte weiter anzuheizen“, legt Palaver Zusammenhänge offen. Eine neue Politik werde es nur geben, wenn auch von unten her eine Kultur der Solidarität und des gewaltarmen Handelns heranwächst, wenn jeder darauf achtet, wie er mit Konflikten umgeht, wie er es mit ökologischen und sozial gerechten Produkten, Geldanlagen etc. hält. Palaver sieht darin auch eine Herausforderung für die christlichen Gemeinden und Kirchen.
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