Pax-Christi-Vertreter fordert das Ende der zynischen US-Außenpolitik
Ausgabe: 2001/39, Pax-Christi, Waffen, Robinson, USA, Terror, New York, Washington, Wut
25.09.2001
„Gegenwärtig steht die Friedensbewegung in den USA vor ihrer größten Herausforderung“, sagt Dave Robinson von Pax Christi USA. Denn die Kriegstrommeln wecken den Glauben, dass anstehende Probleme militärisch gelöst werden könnten.
Zwei Wochen sind seit den Attentaten von New York und Washington vergangen. Wie ist die Stimmung in den USA?
Robinson: Der Schock der ersten Stunde hat sich in eine tiefe Traurigkeit verwandelt. Das erzeugt Verwirrung und leider auch Wut und Zorn. Gleichzeitig gibt es einen wachsenden Chor von Stimmen, die Zurückhaltung in der Reaktion fordern. Nach dem Schock beginnen wir unsere Stimmen wieder zu finden um die wohl wichtigste Frage zu stellen: Warum ist das geschehen?
Wie beantworten Sie diese Frage?
Robinson: Es war ein Akt äußerster Entschlossenheit von Menschen, die aus Situationen des Elends und der Verzweiflung kommen. Und das ist zum großen Teilen Ergebnis unserer Außenpolitik im Nahen Osten ebenso wie in anderen Teilen der Welt. Damit wird nichts gerechtfertigt. Was diese Menschen getan haben kann niemals gerechtfertigt werden. Aber anstatt vorschnell Lösungen zu suchen, müssen wir zunächst einmal die Hintergründe verstehen.
Bereits am Tag danach rief Pax Christi auf, „dem Impuls nach Rache zu widerstehen“. Wie stark ist dieser Ruf nach Rache?
Robinson: Es ist ein sehr starker Ruf von Seiten unserer politischen Führer und einer breiten Öffentlichkeit. Die Friedensbewegung und religiösen Gemeinschaften hingegen sagen: Wir wollen nicht, dass noch mehr Unschuldige sterben müssen nur um eine nationale Genugtuung zu erlangen. Es wurden bereits genug unschuldige Menschen getötet.
Wie begründen Sie Ihre Forderung nach Zurückhaltung?
Robinson: Ein Krieg trifft nicht die Hintergründe, sondern führt zum Eindruck, dass eine militärische Lösung möglich ist. Für uns hat dieses Problem viele Dimensionen. Die fundamentalste Frage dabei heißt: was macht die US-amerikanische Außenpolitik, dass Menschen nicht nur ihr eigenes Leben aufgeben, sondern dabei noch Tausende unschuldige Menschen mit in den Tod reißen?Die einfache Antwort, dass sie unsere Freiheit hassen, weisen wir zurück. Wir wissen, dass dies viel komplexer ist. Und wir wissen, dass eine militärische Antwort nur den Samen ausstreut für mehr Gewalt und mehr Terror.
In welcher Weise ist der 11. September eine Herausforderung für Pax Christi USA?
Robinson: Ich halte diese Ereignisse für die größte Herausforderung, der Pax Christi USA in ihrem 30-jährigen Bestehen je gegenübergestanden ist. Denn eine Person der Gewaltfreiheit zu sein angesichts derartiger Gewalt ist in sich eine Herausforderung. Und eine Person des Friedens zu sein in einer Zeit des Krieges, ist wohl die größte Aufgabe.
Was heißt das konkret?
Robinson: Zunächst müssen wir versuchen die öffentliche Meinung zu ändern. Nach der ersten Reaktion, die aus einer Wut und dem Verlust der Kontrolle heraus entstanden ist, müssen wir die Menschen zurückbringen zum tieferen Verständnis einer sehr komplexen Situation. Damit wir das erreichen, sind wir zunächst selbst gefordert, der Tendenz zur Gewalt und der Rache im eigenen Herzen zu widerstehen. Nur aus dieser Überzeugung können wir erfolgreich sein. Und ich bete dafür, dass wir damit etwas erreichen. Weiters geht es um alternative Antworten. Doch dafür müssen wir, so schwer das auch ist, die viel tiefer liegende Frage beantworten: Warum ist das geschehen?
Wie könnte diese alternative Antwort aussehen?
Robinson: Für mich liegt sie in einer tiefen Umkehr in den Beziehungen zu unseren Schwestern und Brüdern in aller Welt. Wir müssen unsere eigene Rolle anerkennen die dazu geführt hat, dass Terrorismus wachsen konnte. Wir müssen sehr genau auf unsere Politik achten, besonders was den israelisch-palästinensischen Konflikt betrifft. Wir müssen sehr genau auf unsere Hilfe für undemokratische Regime achten, besonders im Nahen Osten und in Südostasien. Wir müssen auf das menschliche Leid achten, wegen geopolitischer Entscheidungen der USA sind Millionen zu Flüchtlingen geworden, das unsere Herzen bisher unberührt gelassen hat. Es ist notwendig von einer Außenpolitik wegzukommen, die darauf baut, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist. Das ist zynisch und prinzipienlos. Vielmehr muss sie auf Prinzipien und Werten gründen, die wir selber hier in den USA hochhalten: auf Gerechtigkeit und Mitgefühl, der Würde der menschlichen Person und der Möglichkeit, ein volles menschliches Leben zu führen, sowie den Zugang zu den Mitteln das zu erreichen.Statt Waffen müssen wir beginnen Trinkwasseraufbereitungsanlagen zu exportieren, Nahrungsmittel, Medikamente, Spielzeug, Schulbücher, und all die Dinge, für deren Produktion die USA bekannt sind.Wir wissen, dass wir der größte Anbieter von Waffen auf diesem Planeten sind. Wir können doch nicht länger so blind sein und glauben, Gewalt nur säen zu können ohne dass sie auch geerntet wird. Wenn wir Waffen verkaufen, dann werden diese Waffen auch eingesetzt, sei es gegen andere Menschen oder letztlich auch gegen uns.