Im Schatten deiner Flügel finde ich Zuflucht, bis das Unheil vorübergeht. (Ps 57, 2b) Immer wieder taucht im Ersten Testament der Vogel als Symboltier der Fürsorglichkeit auf. Im Buch Hiob sind es Raben-Eltern, die, ganz entgegen dem geflügelten Begriff unserer Zeit, wirklich Sorge tragen um ihre Jungen. Das 32. Kapitel im Deuteronomium wieder beschreibt den Adler bzw. Geier (im Hebräischen und Griechischen gilt ein Wort für beide Vogelarten) als Bild für den verantwortlichen, schützenden Gott.
Vogel bist du auch, Gott?Gewaltiger, Allmächtiger und Majestät,Vogel sollst du sein?Bergend und umarmend,zerbrechliches Leben mit Flügeln bewahrend?Vergessen und verborgen alte Vorstellung von dir, Gott:dein Schutz ist einervon zarten Flaumfedernim gemeinsten Leid.Du als Vogel,ein hilfreiches Symbol ist das.Ein schönes Bild, ja.Lob und Preis sei dir, Liebevoller.
In Psalm 57 betet ein Mensch, der sich in einer ganz schmerzlichen Lage befindet. Seine Umwelt ist ihm unsicher geworden, von Geborgenheit keine Spur. „Meine Seele ist inmitten von Löwen“, heißt es da wörtlich, und weiter: „Menschenkinder sind es, deren Zähne sind Speer und Pfeile, deren Zunge ein scharfes Schwert.“
Es ist eine Situation höchster Gefährdung: die Seele ist ausgeliefert, es ist kein Selbst-Schutz mehr möglich. Der Mensch, der so redet, ist tief verwundet und verwundbar. Hohn und scharfe Worte, Besserwissen und vielleicht Verleumdung haben ihm seine Selbst-Sicherheit geraubt. Die einzig wirkliche Hilfe ist jetzt, sich bei Gott zu bergen, sich wärmen im Wollflaum seiner Flügel und in dieser Umarmung Zuversicht und Kraft tanken. Erst mit wachsendem Vertrauen wird es dann langsam möglich, wieder ins alltägliche und manchmal eben ent-täuschende Leben hinauszutreten.