Andreas Bsteh: Dialog der Religionen ist das Gebot der Stunde
Ausgabe: 2001/41, Bsteh, Religionen, Muslime, Christen, Islam
09.10.2001
Prof. Andreas Bsteh leitet das Religionstheologische Institut der Steyler-Missionare in St. Gabriel. Er gilt als Pionier im Dialog mit dem Islam.
Die Terroranschläge haben mit dem Islam nichts zu tun. Sie zeigen vielmehr das Furchtbare, das im Menschen steckt, sagt P. Andreas Bsteh. Der katholische Theologe will auch nicht an der Militanz von Christen gemessen werden.
Der interreligiöse Dialog wurde bisher eher als Fleißaufgabe für idealistische Theologen und Religionswissenschafter abgetan. Zeigen nicht die Terrorangriffe in den USA, wie brisant und politisch diese Aufgabe ist?
Bsteh: Ja, sie unterstreichen die Notwendigkeit zum Dialog der Religionen. Denn es wird Frieden in der Zukunft nur in dem Maße geben, wie wir dialogfähig geworden sind. Diese Dialogfähigkeit auszubauen und zu pflegen ist das Gebot der Stunde. Die Ereignisse der letzten Wochen unterstreichen nur noch einmal, was sich zumindest seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon abgezeichnet hat: Wenn man miteinander einen Raum teilen muss, und die Menschheit ist in dieser Situation, dann lernt man entweder miteinander zu leben oder es bricht ein gegeneinander aus. Ein Nebeneinander ist heute nicht mehr möglich.
Wie verstehen Sie dieses Miteinanderleben?
Bsteh: Wenn heute vom Weltdorf gesprochen wird, in dem wir leben, so entspricht dieses Bild nicht mehr der Wirklichkeit. Bisher war es so, dass verschiedene religiöse und politische Gruppierungen mehr oder weniger nebeneinander gelebt haben. Über den Zaun sozusagen hat man miteinander gesprochen. Aber jeder ist in seinem Bereich geblieben. Statt vom Weltdorf sollten wir besser von dem einen Haus der Menschheit reden, in dem wir ganz neu lernen müssen, miteinander zu wohnen. Toleranz allein genügt darin nicht mehr. Denn miteinander zu leben heißt mehr: es heißt auch miteinander zu leiden unter den Dingen, die unvollkommen oder sogar sündhaft und böse sind. Und dass wir miteinander nach Lösungen suchen. Es heißt letztlich zu lernen, gemeinsam Verantwortung zu tragen.
Sie sagen, Toleranz genügt nicht mehr. Andererseits sollten wir mit Menschen zusammenleben, die sich durch extreme Intoleranz gegenüber Werten auszeichnen, die uns wichtig sind. Wie kann das gehen?
Bsteh: In der Menschheitsgeschichte gibt es seit Kain und Abel die Militanz. Diese bricht immer wieder in der Form der Intoleranz auf. Die schlimmste Form ist, dass ich dem anderen keinen Lebensraum gönne. Ich sage, der gehört weg. Ich dulde ihn nicht. Die zweitschlimmste Form wäre: Ich sage zum anderen nicht ja, aber ich toleriere ihn, weil es letztlich eine Frage meiner politischen Vernunft ist. Aber diese Form der Toleranz ist zu wenig! Ich will nicht vom anderen nur toleriert werden. Vielmehr möchte ich mit ihm leben dürfen. Aber die Welt von morgen wird nur im Zeichen des Friedens stehen, wenn sich alle Menschen in ihren fundamentalen Rechten als gleichberechtigt anerkennen.
Sie stehen seit 25 Jahren im Dialog mit dem Islam. Ist der Islam eine militante Religion, und Mohammed, wie dieser Tage gesagt wurde, gar ein Beweger zum Fanatismus?
Bsteh: Ich betrachte es als einen Frevel gegen meine Schwestern und Brüder im Islam, wenn in dieser pauschalen Weise über ihre Religionsgemeinschaft gesprochen wird. Wer so redet, muss es selbst verantworten können. Im Herzen ist auch der Islam eine betende Religion: Bereit sein, sich Gott zu unterwerfen, zu ihm zu beten, auf ihn zu hören und aus diesem Glauben heraus die Familie sowie die Gesellschaft zu gestalten. Da beginnen dann freilich viele Probleme, die wir ja auch als Christen kennen: Wie gestalten wir die Gesellschaft aus unserem Glauben an Gott? Wie verpflichtend ist dieser Wille Gottes für die Gestaltung der Gesellschaft? Vor diesen Fragen steht jede Religion, die sich dem Willen Gottes unterwerfen will. Im europäischen Christentum wurde deshalb über Jahrhunderte vom Gottesgnadentum des Kaisers gesprochen. Es war maßgebliche Anschauung, dass der Wille Gottes, wie er sich in Jesus geoffenbart hat, im Kaiser eine politische Repräsentanz erhält.
Militante Christen
Die Gesellschaft aus dem Glauben heraus zu gestalten wird dann zum Problem, sobald eine andere Weise des Religionsverständnisses mit uns einen Raum teilen will. In Europa ist das in den Religionskriegen geschehen. Über Jahrhunderte haben wir uns ausgeblutet. Es waren Kriege, die im Namen des Christentums geführt wurden. Es hieß, wir Katholiken haben den richtigen Glauben und in unserer Region haben Protestanten nichts zu suchen. Heute brauchen Sie nur an Nordirland denken, wo Protestanten noch durch die Straßen ziehen und ihre Siege über die Katholiken feiern. Selbst im 20. Jahrhundert ist auf den Soldatengürteln gestanden „Gott mit uns“. Und es waren auch Christen, die damit andere angegriffen und erschossen haben. Wollen Sie als Christ an dieser Militanz gemessen werden?
Sie verteidigen den friedlichen Islam. Warum wurden die Terroranschläge nicht schärfer verurteilt von islamischer Seite?
Bsteh: Weil es im Vergleich zur katholischen Kirche keine Autorität gibt, die im Namen der ganzen islamischen Glaubensgemeinschaft sprechen kann. Alle maßgeblichen schiitischen wie sunnitischen Richtungen, bis hin zur Lehrautorität des Großscheichs der Al-Azhar in Kairo, haben mit aller Deutlichkeit gesagt: was in den USA passiert ist, hat mit dem Islam nicht nur nichts zu tun, sondern widerspricht ihm. Das hätte nicht klarer gesagt werden können. Wenn von sunnitischer wie schiitischer Seite gesagt wird, das ist unislamisch, dann ist das die schärfste Verurteilung einer Handlungsweise, die in der muslimischen Sprachwelt nur denkbar ist.
Aber in Europa wurde es nicht so klar gehört.
Bsteh: Ja, sicher. Weil die Medien vielfach Vorurteile und Klischees vermitteln: das eine sind die Guten, das andere die Bösen. Die einen sind Demokraten und die anderen Terroristen. Das ist unverantwortlich. In verschiedensten Äußerungen – bis hinein in evangelikale Kreise – wird daraus gleichsam Profit geschlagen, indem gesagt wird: jetzt zeigt sich endlich das wahre Gesicht des Islam.Jetzt zeigt sich wieder der furchtbare Abgrund, der in jedem Menschen steckt! Wie in Kain, der seinen Bruder erschlägt. Und zwar in Christen genauso. Wer hat Jahrhunderte nach der Aufklärung die KZs gemacht oder die sowjetischen Zwangslager? Und wir behaupten, im Gegensatz zum Islam seien wir aufgeklärt. Die KZs haben nicht drei Menschen gemacht. Es war ein System. Tausende Schergen haben verbrochen, was geschehen ist, und Millionen haben zugeschaut.1993 fand in Wien unsere erste Dialogkonferenz „Friede für die Menschheit“ statt. Dabei hat der heutige ägyptische Religionsminister Zakzouk, damals war er Professor an der Al-Azhar, ein Referat gehalten über „Friede in islamischer Sicht“. Und er sagte: „Man kann nicht Muslim sein, ohne den Frieden zu suchen.“ Letztlich kann meiner Überzeugung nach keiner Christ, Muslim oder sonst ein religiöser Mensch sein, der nicht den Frieden sucht.