Während ich den Text zum Sonntagsevangelium durchlese, wundere ich mich zunächst, dass Jesus Wert darauf legt von den Geheilten bedankt zu werden. Ist er etwa – so wie unsereins - auf Anerkennung und Dankbarkeit angewiesen?
Nach einigem Grübeln darüber scheint mir, dass es Jesus bei dieser Begebenheit weder um seine Rolle als Helfer noch um die Tugend der Dankbarkeit an sich geht. Es geht ihm in erster Linie um das erbärmliche Schicksal der zehn Aussätzigen, die sich ihm aus der Ferne nähern. Sie sollen Gottes heilvolle Zuwendung und Wirkmacht an ihrem gequälten Leib erfahren. Indem er sie auf ihre Bitte hin von ihrer Krankheit befreit, schenkt er ihnen eine neue Lebensperspektive. Plötzlich gehören sie wieder dazu, sind akzeptierte Gemeinschaftsmitglieder – nach zermürbenden Zeiten der Isolation und Ausgrenzung. Ein wahrlich neues Lebensgefühl! Sicher haben die Betroffenen unterwegs schon Pläne geschmiedet, was sie alles tun werden, sobald sie von den Priestern in Jerusalem als rein, also nicht mehr ansteckend, erklärt werden. Wie überrascht und glücklich wohl die Familienangehörigen, Verwandte und Freunde reagieren werden, wenn sie in Kürze völlig gesund vor ihnen stehen . . .
Einer von ihnen – ein Samariter – hält staunend inne. Er besinnt sich auf die folgenreiche Begegnung mit Jesus und kehrt zu ihm zurück. Im Gegensatz zu den neun anderen, die anschließend im Tempel das vorgeschriebene Dankopfer darbringen werden, findet er – der „Andersgläubige“ – es angebrachter, Jesus persönlich an Ort und Stelle für seine Heilung zu danken. Damit wird einmal mehr gezeigt, dass auch ein Nichtjude die Chance hat, Jesus von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Die heimtückische Krankheit, die ihn zuerst auf Distanz gehalten hat, ist verschwunden und so darf er seinem Gegenüber ganz nahe kommen.
Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Beeindruckt und gewandelt durch die hautnahe Begegnung mit Jesus von Nazareth wird der Mann aus Samarien zurück in seinen Alltag geschickt. Und wir? Unsere eigenen Gotteserfahrungen werden wohl nicht ganz so spektakulär ausfallen wie das Heilungswunder, das uns Lukas überliefert. Dennoch haben sie alle ihre Bedeutung für unsere persönliche Glaubensgeschichte. Manchmal ahne ich Gottes Nähe in der liebevollen Zuwendung durch einen Mitmenschen; ein anderes Mal in der leisen Erfahrung von Sinn, die meine Lebensfreude nährt; von Trost im gemeinsamen Trauern, von gegenseitiger Vergebung . . . Erfahrungen wie diese haben meine Gottesbeziehung vertieft und mein Gottesbild gewandelt.
Ursula Klammer ist Theologin und lebt in Innsbruck-Mühlau.