Es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, jemals so hartnäckig um etwas gebetet zu haben, wie es Jesus im heutigen Evangelium von den Seinen fordert. Gottes unverzügliche Hilfe wird hier jenen zugesichert, „die Tag und Nacht zu ihm schreien“. Ein hoher Anspruch, den Jesus an seine Jünger und damit auch an uns richtet! Er scheint um die menschliche Unbeständigkeit zu wissen, wenn es ums Beten geht. Und was uns dabei vielleicht noch ins Auge springt: Jesus spricht von „unablässigem“ Gebet. Wie soll das – in unserem Fall – möglich sein angesichts der Fülle an Arbeit, die tagtäglich auf uns wartet.
Ich bin überzeugt, dass es Jesus bei seiner Unterweisung nicht so sehr um eine zeitliche Empfehlung als vielmehr um eine qualitative Aussage hinsichtlich unserer Lebensgestaltung geht. Jesus weist auf gewisse Grundhaltungen hin, aus denen heraus wir unseren Alltag besser bewältigen können: Hingabe, die trotz eigenen Bemühens und selbstverantworteten Tuns nicht auf die Hilfe Gottes verzichten will; Ausdauer und Zuversicht, wenn sich der gewünschte Erfolg nicht sofort zeigt. In der jüdischen Gebetstradition findet alles Stimme und Gehör, was Menschen bewegt, was sie belastet, erfreut oder in Staunen versetzt. Auch Ängste und Verzweiflung, ja sogar Rachegefühle haben ihren Platz neben Dankgebeten und Lobpreis.
Dem Rufen zu Gott liegt die Überzeugung zugrunde, dass Gott sieht, hört und antwortet – wenn auch oft verschlüsselt und anders, als wir es uns vielleicht ausmalen. Jesus selbst lässt keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Gebetes. Das wohlwollende Eingreifen Gottes ist für ihn unbestritten. Die Frage, ob unser Gebet etwas bewirkt, entscheidet sich nicht zuletzt an unserem eigenen Glauben, wie Jesus am Schluss diskret andeutet. Im Gleichnis stellt er eine Witwe als Vorbild hin, die aufgrund ihrer Beharrlichkeit genau das erreicht, was sie will. Sie ist überzeugt von ihrer Sache und kämpft um ihr Recht, das ihr der asoziale Richter aus undurchschaubaren Gründen vorenthalten will. Andere Mittel hat sie keine, denn als Witwe besitzt sie wenig Geld und hat zudem keinen Rechtsbeistand.
Die Entschlossenheit der Witwe, die mutig und tatkräftig ihr Ziel verfolgt, kann uns in schwierigen Situationen zum Durchhalten motivieren. Erst wenn wir an einer Sache über längere Zeit dranbleiben, sehen wir oft klarer, was wirklich Not tut. Gott weiß um unsere Anliegen und Bedürfnisse, aber mit seinem Weitblick hat er oft ganz andere Wege und Möglichkeiten für uns vorgesehen. Bleiben wir also im Gespräch mit unserem Vater im Himmel, der es gut mit uns meint.
Ursula Klammer ist Theologin und lebt in Innsbruck-Mühlau.