Kunst unserer Zeit ist bei der 49. Kunstbiennale in Venedig noch bis 10. November zu sehen und zu erleben. 65 Länder und 350 Künstler/innen aus aller Welt haben sich beteiligt.
„Plateau der Menschheit“ als Titel einer aktuellen Kunst-Ausstellung mag verwundern. Der diesjährige Kurator Harald Szeemann hatte den Mut, „alles, was zum Menschsein – am Beginn des 3. Jahrtausends – gehört“ durch Werke der Gegenwartskunst nicht bloß aufzulisten, sondern für die Besucher/innen erfahrbar zu machen.
Eine weitere Besonderheit der diesjährigen Biennale ist die Tatsache, dass großteils junge (z.T. noch unbekannte) Künstler/innen aller Kontinente vertreten waren. „Alles, was zum Menschsein gehört“ kann eben nur durch einen multikulturellen Blick gezeigt werden. Eine in Südafrika geborene und dort lebende Künstlerin erfährt sich selbst, die Geschichte ihres Landes und die globalen Fragen unseres Planeten anders als etwa eine in Berlin lebende Künstlerin.
Scheinbar ist die Kunst eine Sprache, in der sich derart unterschiedliche Erfahrungen nicht nur mitteilen, sondern auch kommunizieren lassen. Ein drittes Charakteristikum der Biennale: die Fülle und Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen, wobei die Neuen Medien (Video, Computer) und Installationen einen hohen Stellenwert einnehmen. Dabei lassen sich keineswegs kontinentspezifische Vorlieben für bestimmte Materialien und Techniken erkennen; mit bildnerischen Mitteln lassen sich Sprachgrenzen offenbar leichter überwinden.
Unter diesem Aspekt multikultureller Verständigung wäre die Arbeit der in Indonesien geborenen und nun in Amsterdam lebenden Künstlerin Tiong Ang hervorzuheben. Sie zeigt zwei Situationen in einer Schulklasse: Im Beisein ihrer Lehrerin wiederholen die Kinder brav das von ihrer Lehrerin dozierte Einmaleins. Sind die Kinder sich selbst überlassen, bekommen sie große Augen und scheinen ihren eigenen Träumen nachzugehen. Mehrfach wurde auch der koloniale Blick thematisiert. Die Künstler/innen greifen auf altes Fotomaterial zurück und verleihen diesen aus Situationen der Eroberung oder Missionierung stammenden Bildern durch farbliche Veränderungen oder filmische Eingriffe Momente der Irritation. Die gewohnten Bilder von schwarzen Kindern, nackten Frauen und rauchenden Männern, die vor der Kamera postieren, werden ver-rückt und verlieren dadurch ihren Schein der Normalität.
Was diese Ausstellung noch besonders reizvoll machte, ist die Tatsache, dass trotz der Ehrlichkeit, mit der hier Verletzungen und Brutalitäten individueller und globaler Art gezeigt wurden, Schmunzeln und Lachen nicht gänzlich verschwanden.Und was auf jeden Fall zurückbleibt: die Sehnsucht, dass es weitergeht mit diesem Planeten, und die Gewissheit, dass hierfür die Beobachtungen und Sensibilitäten unterschiedlicher Kulturen vonnöten sind.