Eine fast alltägliche Begebenheit im Supermarkt, beim Frisör, am Stammtisch oder im Büro: jemand spricht verächtlich über einen Kollegen, richtet ihn aus, um selber vor anderen in einem besseren Licht dazustehen. Was den Beschimpften angeht: er braucht sich gar nicht viel zu Schulden kommen lassen – vielfach genügen eine andere Hautfarbe, sonderbare Kleidungsgewohnheiten oder andere Auffälligkeiten, die abschätzige Blicke oder Worte nach sich ziehen.
Gründe gibt es viele, warum Menschen einander das Leben schwer machen: Misstrauen, Ängste, das andauernde Gefühl selbst zu kurz zu kommen . . . Empfindungen dieser Art machen unsicher und eng. Schuld sind immer die anderen! Ich versuche mein bedrohtes Ich zu beruhigen, indem ich andere kritisiere und meine innere Leere, meine Selbstzweifel verdränge und überspiele. Vielleicht finde ich Halt im Einhalten von gesellschaftlichen Normen, in möglichst „ehren-werten“ Hilfsaktivitäten, im ergebenen Funktionieren . . . Solange ich fit bin, kann ich auf meine Leistungsfähigkeit und das, was mich scheinbar weiterbringt, bauen: Disziplin, Opferbereitschaft, Durchsetzungsvermögen, Zeitmanagement . . . Perfektion in allen Belangen! Schwäche hat keinen Platz.
Wie kommt es aber, dass gerade der Zöllner im Evangeliumstext letztendlich doch besser abschneidet als der fromme „Gerechte“? Sein berufstypisches Verhalten – sich durch unverschämt hohe Zolleinnahmen auf Kosten anderer zu bereichern – ist bestimmt nicht gutzuheißen. Und trotzdem hört Gott auf seine Bitte. Er gewährt ihm Vergebung für all sein begangenes Unrecht. Im Leben des Zöllners wird ein Neuanfang gesetzt, auch wenn er sich vielleicht noch nicht ein für alle Mal aus den sündhaften Verstrickungen seines Berufsalltags befreien kann.
Mit seiner realistischen Selbsteinschätzung erntet der betrügerische Zöllner erfahrungsgemäß mehr Sympathie und Verständnis als der selbstgefällige Pharisäer. Eine Solidaritätserklärung unsererseits an jemanden, der sich seiner unübersehbaren Charakterschwächen bewusst ist und vor Gott nichts beschönigen will? Gott belohnt Wahrhaftigkeit und Umkehrbereitschaft. Er weiß um unsere Defizite, ja er rechnet sogar mit ihnen. Jesus wünscht sich von uns, dass wir vor Gott nichts ausblenden. Er will, dass wir das Erbärmliche an uns nicht abspalten oder verstecken, sondern uns ungeschminkt an Gott wenden. Von niemand anderem werden wir mit all unseren Ängsten, Zweifeln, unserem Versagen so bedingungslos angenommen. Vertrauen wir uns seiner heilbringenden Liebe an!
Ursula Klammer ist Theologin und lebt in Innsbruck-Mühlau.