Kongo-Zaire: Bischof geht zu Fuß durch die im Krieg verwüstete Diözese
Ausgabe: 2001/43, Kongo, Zaire, Kongo-Zaire, Mokobe, Joseph Mokobe
24.10.2001
- Walter Achleitner
Entlang des Tschuapa ist er einer der ganz wenigen, der ohne Waffe zu den Menschen kommt: Joseph Mokobe. Der Bischof von Bokungu-Ikela baut auf den Frieden, wo die Leiden des Krieges herrschen.
Es galt blitzschnell zu reagieren. Denn der Mann, der plötzlich aus dem Busch gesprungen war, richtete den Lauf seines Gewehres gegen Joseph Mokobe und ein Dutzend Kinder, die den Bischof begleiteten. „Nein! Nein, Bruder, so nicht!“, entgegnete Mokobe dem Angreifer. „Lass das Gewehr zum Himmel schauen! Richte es nicht auf uns“, rief er dem Fremden zu.
Marsch durch die Diözese
Ruhig bleiben und nicht aufhören zu reden – das hat Joseph Mokobe das Leben gerettet. Ähnliches, wie vor fünf Monaten auf dem Weg nach Ikela, hat der Bischof mehrfach erlebt. Denn erstmals seit Ausbruch des Krieges im Herbst 1998 konnte er wieder alle Pfarren besuchen in seiner Diözese, die halb so groß ist wie Österreich. Seine Pastoralreisen hat der 52-Jährige ausschließlich zu Fuß unternommen. „Für die vom Krieg geschundenen Menschen ist es ermutigend, dass ich ohne Waffen komme“, sagt der Bischof. Das Ziel seiner Besuche ist es, „die Liebe wieder einzupflanzen“.Als vordringlichste Aufgabe bezeichnet es Mokobe, der Not der Menschen zu begegnen. Denn über Monate war es im Gebiet der Diözese zu erbitterten Gefechten gekommen. Und im Kampf gegen die Rebellen aus dem Osten wurden selbst Bomben abgeworfen. „Viele haben geglaubt, sie würden es nicht überleben. Es gab buchstäblich nichts zu essen. Und das hat hier nie jemand erlebt.“Von den solide errichteten Krankenstationen, Schulen oder kirchlichen Gebäuden stehen heute vielfach nur noch Ruinen. „Die meisten Lehmhütten sind zerstört oder gar dem Erdboden gleichgemacht.“Bei seinen Märschen durch die Diözese hat Bischof Mokobe eine neue Erfahrung gemacht. Allerorts wächst die Überzeugung: „Wir werden es nur gemeinsam schaffen.“ Und so ist es ihm gelungen, in den Dörfern Gesundheitsteams einzusetzen. Ihre Aufgabe ist es, mit der Errichtung eines kleinen Hauses die Voraussetzungen für eine Gesundheitsversorgung zu schaffen. Und vor wenigen Wochen wurden nun auch erstmals wieder Medikamente in die Region am Äquator geliefert – mit der „Eneyelo II“, dem 1983 von der katholischen Jungschar Österreichs finanzierten Schiff der Diözese.
Das Gefühl: UNO geht mit
Es sind die UN-Blauhelme, die auch in Bokungu-Ikela viel zur Befriedung beigetragen haben, ist der Bischof überzeugt. Denn vielfach ist zu hören: „Wenn diese Menschen aus den verschiedensten Nationen zu uns kommen, dann nehmen sie es ernst mit dem Frieden.“ Und Joseph Mokobe fügt hinzu: „Aber warum mussten im Kongo zuerst drei Millionen Menschen sterben, ehe die Welt unser Schreien gehört hat?"
HINTERGRUND
Friedensdialog für den Kongo
Große Erwartungen waren es, die das kongolesische Volk in die vergangene Woche gesetzt hatte. Mit mehr als zweijähriger Verspätung sollte in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba jene Gesprächsrunde starten, die dem ausgebluteten Land Frieden bringen sollte. „Erheben wir endlich unsere Häupter, die wir schon so lange hängen ließen, und beginnen wir mit bestem Elan, unser Land in Frieden wieder aufzubauen.“ So beschwor noch am 24. September Kardinal Etsou, der Erzbischof von Kinshasa, den „interkongolesischen Dialog“ rasch und gut zu führen.
Neuanfang
Der Machtwechsel in Kinshasa im Jänner 2001, dem ermordeten Laurent Kabila folgte Sohn Joseph als Präsident nach, wird von vielen als Wende gesehen. In Folge ist es Ketumile Masire, der Ex-Präsident von Botswana, der den im Friedensabkommen von 1999 grundgelegten Dialog wieder in Gang bringt. Der konstruktive Verlauf des Vordialogs, vom 20. bis 25. August in Gaborone (Botswana), weckte neue Hoffnungen: 330 Vertreter der Regierung, der bewaffneten Opposition und der zivilen Gesellschaft könnten sich in dem auf 45 Tage angelegten Dialog einigen.
Vertagt
Der Auftakt in Addis Abeba am 15. Oktober verlief ernüchternd. Gerade ein paar Dutzend Delegierte waren gekommen, führende Köpfe aber fehlten. Zunächst, so hieß es entschuldigend, sollten noch offene Fragen zur Arbeitsweise geklärt werden. Doch am 18. Oktobers hieß es dann, der Beginn desDialogs werde um ein Monat verschoben. Vor allem finanzielle Probleme seien dafür ausschlaggebend. Nun soll in Südafrika verhandelt werden. Denn die Regierung in Pretoria ist bereit, 50 Prozent der Dialogkosten zu tragen.