„Konvoi für den Frieden“: Christen trotzen der ausufernden Gewalt
Ausgabe: 2001/44, Bethlehem, Prenninger, Kopf der Woche, Baby-Hospital
30.10.2001
- Walter Achleitner
Die Oberösterreicherin Ulrike Prenninger erlebte in Bethlehem den gewaltfreien Marsch als „wichtiges Signal“.
„Wir waren überrascht, dass so viele dem Aufruf gefolgt waren“, sagt Raed Abusahlia vom lateinischen Patriarchat. Denn Hunderte Menschen, vorwiegend Christen, hatten sich am vergangenen Dienstagmorgen getroffen, um von Jerusalem nach Bethlehem zu fahren. Der „Konvoi für den Frieden“ sollte sechs Tage nach der Besetzung der Stadt durch israelische Soldaten Solidarität zeigen.Doch bis zuletzt war es unklar, ob die angemeldete Gruppe überhaupt den Checkpoint an Jerusalems Stadtrand werde passieren dürfen. Abusahlia: „Es hat uns erstaunt, als der Offizier sagte: ,Wir lassen sie in Frieden passieren.‘ Scheinbar hatten sie sogar Order erhalten, sich vom Weg zurückzuziehen. Obwohl es in der Nacht zuvor in Bethlehem zu schweren Gefechten gekommen war.“Es waren an die 200 Fahrzeuge. An der Spitze rollten die schwarzen Limousinen mit Diplomatenkennzeichen der Kirchenführer. Auf palästinensischer Seite des Checkpoints hatten sich ebenfalls mehrere hundert Menschen dem Konvoi angeschlossen.„Dieser Konvoi war ein unheimlich wichtiges Signal“, sagt Ulrike Prenninger. Die Kinderschwester arbeitet im Caritas-Baby-Hospital in Bethlehem. „Für die meisten von uns war es seit Tagen zum ersten Mal, dass wir für kurze Zeit das Haus verlassen konnten“, berichtet die Oberösterreicherin. „Nur mit derartigen Aktionen von außen kann die Gewalt, dieser unendlich lange andauernde Druck auf die Menschen unterbrochen werden.“
Die Kraft der Gewaltfreiheit
Überall zu sehen waren auf der Straße die Spuren israelischer Panzer. Der Weg zum Krippenplatz führte vorbei am halb ausgebrannten „Paradise Hotel“. Die zerschossenen Fenster der einstigen Nobelherberge glichen den Zacken von Weihnachtssternen.Als der Konvoi in das Zentrum vordrang, hatten sich ihm mehr als 5000 Menschen angeschlossen. Leben war auf den Platz vor der Geburtskirche eingekehrt, wo tags zuvor noch für zwölf Opfer die Trauerklage erklungen war. Der Schock war allgegenwärtig, dass vor drei Tagen der Christ Joni Yousif Thaljiah (19) hier erschossen worden war. Dem Gebet in der Geburtskirche folgte der Abschluss in der Katharinen-Kirche. Der katholische Priester Raed Abusahlia: „Es war wichtig, dass unter den Bischöfen auch muslimische Vertreter saßen. Ich war bewegt, den Scheich über christlich-muslimische Geschwisterlichkeit sprechen zu hören: über gegenseitigen Respekt, weil wir dasselbe Volk sind, konfrontiert mit denselben Leiden und erfüllt von derselben Sehnsucht nach Befreiung.“Als der Konvoi um 15 Uhr den Geburtsort Jesu verlassen hatte, herrschte wieder Gewalt in den Straßen von Bethlehem. Zum „Konvoi für den Frieden“ meint Abusahlia: „Jetzt bin ich mehr denn je von der Kraft der Gewaltfreiheit überzeugt. Doch unser Volk setzt leider zu wenig auf diese Stärke.“ Und dann fügt er hinzu: „Aber es war nur ein kleiner Tropfen Wasser im blutigen Meer voll Hass und Rache.“
Interview
Hilfe jeder Ar
Was ist das Caritas-Baby-Hospital in Bethlehem?
Prenninger: Es ist das einzige Kinderkrankenhaus für die Westbank und den Gazastreifen. Vor Intifada II, also vor September 2000, waren die 82 Betten auch immer voll. Aber aufgrund der Straßensperren ist ein Durchkommen zu uns nur mehr schwer möglich. Und viele können sich nicht einmal die Fahrt zu uns leisten, auch wenn die Behandlungskosten oft von der kirchlichen „Kinderhilfe Bethlehem“ getragen werden.
Werden bei Ihnen auch Verwundete behandelt?
Nein. Wir verfügen über keine chirurgische Abteilung. Verwundete kommen in das King-Hussein-Spital in Bethlehem. Doch meiner Information nach soll dort akuter Bedarf an Blutkonserven herrschen. Die Bevölkerung wird zwar zum Blutspenden aufgerufen, aber der Zugang zum Spital wird von israelischen Panzern abgesperrt.
Das klingt nach Schikane?
Es ist eine der unzähligen Aktionen, um Palästinenser zu treffen. Es ist Politik, wo immer es nur geht, ihnen Leid zuzufügen. Was die Menschen hier durchmachen, ist kaum in Worte zu fassen. Wie jene herzkranke schwangere Frau, die auf dem Weg zur Entbindung beim Checkpoint nicht weiterkam. Sie und ihr Kind sind auf der Straße gestorben.
Was erwarten Sie sich an Hilfe aus Österreich?
Jegliche Unterstützung, die Menschen hier erhalten, ist wichtig. Gleichzeitig ist es aber auch ein Zeichen, dass Europa auf Bethlehem nicht vergisst! Diese Menschen haben genauso ein Recht auf ein friedliches Leben.
Interview: Walter Achleitner
Caritas-Baby-Hospital: Konto 32.324.467.400 bei der Bank Austria (BLZ 12.000)