Kommentar zum Sonntag von Sr. E. Kräutler ASC, Dornbirn
Ausgabe: 2001/44, Kommentar zum Sonntag, Kommentar, Kräutler, Dornbirn
31.10.2001
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Jesus kam nach Jericho und ging durch die Stadt.“ Ich verbinde mit dem Wort Stadt das rege Leben auf dem Marktplatz hier in Dornbirn. Wenn ich diesen ersten Satz des Evangeliums auf mich wirken lasse, so sehe ich einen Jesus, der so dahinschlendert, gar nicht fixiert, so gar nicht auf ein Ziel hin gehend. Mir gefällt dieser Jesus, weil ich an ihm entdecke, was unserer heutigen Seelsorge vielfach abhanden gekommen ist. Wir arbeiten seelsorgliche Projekte ganz genau aus, rennen oft Aktivitäten nach, deren Durchführung ein Volltreffer werden soll. Alles ist bereit, nun kanns losgehen. Jetzt brauchen nur noch die Leute zu kommen. Oft folgt die Ernüchterung: Die Menschenmenge bleibt aus. Die Frage drängt sich auf: Haben wir als Kirche Angebote ohne Nachfrage? Jesus erlebe ich in der Bibel meistens anders. Er greift Situationen auf, die sich gerade so ergeben.
Jesus bleibt stehen. Er entdeckt Zachäus auf einem Maulbeerfeigenbaum. Wie kommt es, dass sich der kleingewachsene Oberzöllner diesen Platz aussucht? Der Evangelist Lukas gibt den Grund an: Zachäus möchte Jesus sehen. Wir wissen nicht, was in ihm vorgegangen ist. War es pure Neugier, war es ein inneres Bedürfnis, eine unbändige Sehnsucht, die er selbst gar nicht beschreiben konnte? Was auch immer ihn getrieben hat, er kletterte auf einen Baum, der ihm Deckung gab. Niemand hat damit gerechnet, er selbst am wenigsten, dass Jesus ihn ins Auge fasst. „Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf.“ Was ist das für ein Jesus? Da lässt er die Menschenmenge stehen und unterhält sich mit einem einzelnen, an dessen Händen so viel ergaunertes Geld klebt. Hätte Jesus nicht mehr Chance gehabt, seine Botschaft schneller zu verbreiten, wenn er sich mit den vielen Leuten, die herumstanden, eingelassen hätte? Jesus ist der ganz Andere! Zachäus ist ein Paradebeispiel für die Seelsorge Jesu. Ihm geht es um den einzelnen Menschen.
Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ Jesus lädt sich selbst ein und Zachäus ist ganz perplex. Aug in Aug findet eine tiefe Begegnung statt, kein Vorwurf, kein Maßregeln. Durch Jesu Blick erkennt Zachäus, was Umkehr jetzt für ihn bedeutet, und Jesus beschenkt ihn und sein ganzes Haus.
Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt.“ Ich denke, dass es in unserer Zeit genau so wichtig ist, den Anspruch einer flächendeckenden Seelsorge zurückzustellen und vermehrt auf einzelne Menschen zuzugehen. Kontakt aufzunehmen, so wie es sich auf dem Weg ergibt. Ich nenne das für mich Straßenseelsorge. Sie ist ein wesentlicher Teil meiner Seelsorge mitten im Alltag.
Sr. Ermelinde Kräutler ASC ist Pastoralassistentin der Pfarre St. Martin in Dornbirn.