Bei ihrem internationalen Treffen in Mainz hat sich vergangene Woche die Friedensbewegung innerhalb der katholischen Kirche zu Wort gemeldet.
Während die 165 Delegierten von Pax Christi aus aller Welt vergangene Woche in Mainz in angenehmer Atmosphäre diskutierten, haben die USA und Großbritannien ihre vierte Angriffswoche auf Afghanistan fortgesetzt. Kampfjets warfen ihre tödliche Last auf Städte und Dörfer ab. Und US-Spezialeinheiten ließen sich auf direkte Kämpfe „am Boden“ ein.So war denn die weltpolitische Situation nach dem 11. September auch das Thema des Generalrates von Pax Christi, der alle zwei Jahre stattfindet. Das Gremium der Katholischen Friedensbewegung traf sich vergangene Woche unter dem Vorsitz von Präsident Michel Sabbah, dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem.
Zentrale Fragen
Jede ernsthafte Positionierung zu den Ereignissen von New York und Washington entscheidet sich an der Beantwortung zweier eng miteinander verknüpfter Fragen: Wo liegen die Ursachen und Hintergründe für den (islamistischen) Terror, und wie kann dieser bekämpft werden? Die Regierungen der USA und Großbritanniens beantworten die Fragen einfach: Das Böse sind benennbare Terroristen und jene, die ihnen Unterschlupf geben. Sie können militärisch bekämpft und besiegt werden.Demgegenüber stehen die Antworten von Pax Christi, die in einer Stellungnahme beim Generalrat zusammengefasst werden sollten. Schon im Vorfeld hatten sich nationale Mitgliedsorganisationen eindeutig positioniert.
Um Antwort bemüht
Unmittelbar nach den Anschlägen hatte Pax Christi-USA davor gewarnt, dass aus dem Entsetzen nicht Wut, aus der Trauer nicht verzweifelte Rache, aus den sinn- und gnadenlosen Gewaltakten nicht eine neue Spirale internationaler Gewalt entstehen darf.Die deutsche Pax Christi-Organisation hatte noch kurz vor dem Generalrat zum sofortigen Stopp der Bombardements aufgerufen. Der von der Berliner Bundesregierung praktizierten „uneingeschränkten Solidarität“ mit den USA müsse angesichts verheerender Folgen der Militärschläge klar widersprochen werden. Neben der Forderung nach einem Ende der militärischen Aktionen tritt Pax Christi-Deutschland für massive Hilfslieferungen für die betroffene Bevölkerung ein. Ebenfalls gefordert wird eine internationale Anti-Terror-Konferenz. Die Ereignisse seit dem 7. Oktober hätten die politischen Begründungen für den Krieg zunehmend unglaubwürdiger gemacht.Bereits in der zweiten Kriegswoche hatte die britische Sektion von Pax Christi eine Petition an Tony Blair gestartet: vom Premierminister wird gefordert, gegen die militärischen Angriffe aufzutreten. Innerhalb weniger Tage wurden von Pfarrgemeinden und lokalen Gruppen 25.000 Unterschriften gesammelt. Pat Gaffney, Generalsekretärin von Pax Christi in Großbritannien, berichtete von zahlreichen Anti-Kriegs-Initiativen, von großen Demonstrationen, über Fastenaktionen bis zu Mahnwachen.Nicht von ungefähr mussten sich daher die vielfältigen Engagements in einer Stellungnahme bündeln. In einem von Patriarch Sabbah und allen 50 Mitgliedsorganisationen unterzeichneten offenen Brief wurde US-Präsident George W. Bush zur sofortigen Einstellung der Kampfhandlungen aufgefordert. Dadurch könnten die internationalen Hilfsorganisationen die so dringend notwendige Unterstützung für die afghanische Bevölkerung vor Wintereinbruch durchführen. Besonders kritisiert wird in dem offenen Brief der Einsatz von Streubomben, die laut internationalen Übereinkommen als „inhumane Waffen“ bezeichnet werden. Terrorismus, so Pax Christi International in der ausführlich diskutierten Stellungnahme, sollte auf der Basis des internationalen Rechts bekämpft werden.
Chor der Kritiker
Der Brief an Präsident Bush ist diplomatisch gehalten. In Plenardebatten und am Rande des Generalrates wurde deutlicher geredet. Bischof Walter Sullivan aus Virginia, der Präsident der US-Sektion, ging auf die Hintergründe ein. Seine Regierung würde letztlich den Krieg aus wirtschaftlichen und geostrategischen Gründen führen: „Es geht um die Erdölressourcen“, so Sullivan. Der lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, analysierte, dass „die Wurzeln des Terrorismus nicht in Afghanistan zu finden sind. Der Samen des Terrorismus liegt im Westen. Wenn der Samen weg ist, wird Bin Laden nicht mehr existieren.“ Repräsentativ für die Einschätzung der Delegierten aus Asien war Virgina Saldanha. Die Inderin betonte, dass lediglich die politischen Führer Asiens die US-Aktionen unterstützen würden, nicht aber die Bevölkerungen. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann schließlich sagte bei seinem Referat, dass „im Lichte des Evangeliums Gewalt und Krieg nicht zu rechtfertigen seien“.Wenn Pax Christi International dazu beitragen kann, dass die katholische Kirche beginnt, ohne jeden Zweifel und ohne jeden Vorbehalt den Krieg gegen Afghanistan zu verurteilen, dann hat der Generalrat ein wesentliches Ziel erreicht.