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Feuer für die Herde

Interview mit Chiara Lubich – Kopf der Woche
Ausgabe: 2001/45, Lubich, Kopf der Woche, Feuer, Interview, Chiara Lubich, Fokolare
06.11.2001
- Interview: Walter Achleitner
Diese Woche will Chiara Lubich, Gründerin der Fokolar-Bewegung, so manchen Herd in Österreich mit ihrer „Kultur des Friedens und der Einheit“ neu zum Brennen bringen.

„Die Liebe muss immer die Antwort auf den Anruf Gottes sein“, sagt Chiara Lubich. Einen ihrer persönlichen Anrufe hatte sie 1939 im italienischen Wallfahrtsort Loreto erfahren, wo das heilige Haus aus Nazareth verehrt wird. Ihre Berufung sollte ein Weg sein, „der sich an diesem Zusammenleben von Maria und Josef mit Jesus in ihrer Mitte ausrichtet: dem Herdfeuer (Focolare). Erstmals zum Einsatz kam dann der Herd im Kriegsjahr 1943. In Trient kochten die Lehrerin und ihre Freundinnen in großen Töpfen Suppe für die Opfer der Bombennächte. Das gilt als Funke für eine der profiliertesten Erneuerungsbewegungen der Kirche im 20. Jahrhundert. 100.000 Mitglieder zählt die Fokolar-Bewegung weltweit, sieben Millionen aus allen Religionen sind ihr verbunden.„Überall zur Einheit beitragen, wo es Spaltung gibt“, heißt das Motto, das Chiara Lubich auf alle Lebensbereiche anwendet. In den letzten drei Jahrzehnten hat sie viel Feuer im Dialog mit Juden, Buddhisten oder Moslems entfacht. Imam Warith Deen Mohammed, Führer von zwei Millionen „Black Muslims“ in den USA, bezeichnete sie öffentlich als spirituelle Führungspersönlichkeit seiner Bewegung. Beim ersten Auftritt in Österreich entfachte sie vergangenen Samstag ein Feuer im Stephansdom. Die 81-Jährige rief 5000 Jugendlichen zu: „Coraggio, Mut, ihr habt nur ein Leben! Nützt es, um eurer Berufung zu entsprechen.“


Liebe wächst unter uns



Lubich: Gemeinsamer Glaube bietet Chance für Christen und Muslime
Die Fokolar-Bewegung gilt als eine der einflussreichsten Erneuerungsbewegungen in der Kirche. Ihre Gründerin ist diese Woche eine Gesprächspartnerin für Österreichs Bischöfe sowie in Innsbruck für 1000 Bürgermeister aus Europa. Die Kirchenzeitung sprach mit Chiara Lubich.

Frau Lubich, was heißt es, angesichts der Ereignisse vom 11. September in den USA, „die Zärtlichkeit und Treue Gottes zu erfahren und glaubwürdige Verkünder des Evangeliums zu sein“, wie das Johannes Paul II. über Ihre Arbeit gesagt hat?

Lubich:
Ich weiß nicht, was der Papst damals genau gemeint hat. Ich weiß, dass man die Zärtlichkeit und Treue Gottes gerade dann erfährt, wenn man glaubwürdig das Evangelium verkündet. Heute, nach dem 11. September, wäre genau diese glaubwürdige Verkündigung das Drin-gendste. Sie ist eben dann glaub- würdig, wenn man das Evangelium nicht nur mit Worten verkündet, sondern zu leben sucht.
Das Evangelium verlangt die gegenseitige Liebe unter allen Menschen, damit sich die universelle Geschwisterlichkeit verwirklicht, wie sie dem Plan Gottes mit der Welt – auch der von heute – entspricht. Jesus hat gesagt – und er sagt es uns auch heute: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13, 35).

Ihre Bewegung ist 1943 während der Bombennächte in Trient entstanden. Können Bomben auf Afghanistan die Antwort auf den 11. September sein?

Lubich:
Die Antwort können nicht die Bomben, die Vernichtung menschlichen Lebens und die mangelnde Achtung vor der islamischen Religion sein. Sicher, auch die Gerechtigkeit muss ihren Lauf nehmen; doch die Antwort auf die Gewalt muss Gerechtigkeit sein und nicht Gewalt.Um ein Übel zu überwinden, muss man stets zu seiner Wurzel vorstoßen. Wir wissen, dass wir westlichen Länder und vor allem auch die USA uns zu egoistisch verhalten haben. Wir wollten unsere Güter nicht teilen mit anderen Völkern, die Hunger leiden. Noch mehr: wir haben manchmal sogar noch zur Verschlimmerung ihrer Lage beigetragen. Die heutige Situation verlangt von uns allen eine Umkehr: wir müssen endlich anfangen, das zu tun, was wir bis jetzt nicht getan haben. Schon ein solcher Anfang könnte Spannung und Rachegefühle verringern. Ich hätte einen Traum: Wir erleben, wie die Nationen sich zusammentun, um die Welt vom Terrorismus zu befreien. Könnte das nicht – wenn uns Gott hilft, der ja auch das Böse zum Guten wenden kann – zu einer solidarischeren Sicht der Welt führen?

Sie gelten als Pionierin im interreligiösen Dialog. Was ist aus ihrer Erfahrung notwendig, um das Gespräch zwischen Christen und Muslimen zu stärken?

Lubich:
Das Bewusstsein und die Überzeugung, dass wir Brüder und Schwestern sind und als solche auf Erden leben sollen. Mit den Muslimen haben wir noch eine Chance mehr: wir glauben ja an den gleichen Gott, den Gott Abrahams. Auf Grundlage dieses gemeinsamen Glaubens kann eine besondere Geschwisterlichkeit unter uns entstehen. Sie wächst aus dem, was wir miteinander gemeinsam haben. Im Koran finden sich viele Stellen, die uns an Worte aus unserer Heiligen Schrift erinnern. Christen und Muslime könnten sich vornehmen, für eine bestimmte Zeit solche einander ähnlichen Worte in Leben umzusetzen. Dadurch entsteht und wächst Liebe unter uns. In unserer Bewegung haben wir diese Erfahrung gemacht.

Der Führer der „Black Muslims“ in den USA hat Sie als spirituelle Führungspersönlichkeit seiner Bewegung bezeichnet. Was bedeutet das für Sie?

Lubich:
Ursprung unserer Bewegung ist ein Geschenk des Heiligen Geistes, das uns aufruft, die radikalen Forderungen des Evangeliums ohne Abstriche ins Leben umzusetzen. Von daher kann ich verstehen, dass ein wirklich gläubiger Muslim, der mit Gott vereint ist, unseren Lebensstil schätzt und ihn seinen Leuten als Vorbild vor Augen stellt.

Wären angesichts wachsender Islamfeindlichkeit ähnliche Worte von christlichen Vertretern wünschenswert?

Lubich:
Sicher. Jedesmal, wenn Vertreter der Kirche ihre Wertschätzung gegenüber echten Muslimen zum Ausdruck bringen, ist das sicher ein wertvoller Beitrag zum Frieden.

In Österreich interessieren sich für Ihre Bewegung Politiker aller Parteien, von den Kommunisten bis zur FPÖ. Wie kann dieses Interesse auch zum gemeinsamen Handeln führen, zum Beispiel in der Frage der Flüchtlingspolitik?

Lubich:
Das ist möglich und wünschenswert. Die Politiker der unterschiedlichen Parteien müssen dem Geist der Bewegung der Einheit treu bleiben: er verlangt, dass sie bei all ihrem Tun die Liebe zu jedem Menschen als Grundlage nehmen. Diese Liebe ist dem gläubigen Menschen möglich, weil der Heilige Geist sie in sein Herz ausgegossen hat. Doch auch bei Menschen anderer Weltanschauungen fehlt sie nicht. Die Liebe ist in die Natur eines jedes Menschen eingeschrieben.Wird die Liebe von mehreren gelebt, so wird sie gegenseitig und schafft Geschwisterlichkeit. Wird sie nicht nur persönlich, sondern auch gemeinschaftlich gelebt, führt sie dazu, die Initiativen der anderen genauso zu lieben wie die eigenen. Noch mehr, sie hilft, die Partei des anderen wie die eigene zu lieben – wegen der Werte, aufgrund derer sie entstanden ist.

Als Ehrenbürgerin mehrerer Städte und mit 81 Jahren könnten Sie sich doch Ihr Leben auch weniger beschwerlich gestalten?

Lubich:
Es steht geschrieben: „Der Eifer für dein (Gottes) Haus verzehrt mich“ (Ps 69,10). Ich hoffe und wünsche mir, dass dies der einzige Beweggrund ist. Doch das Haus Gottes beherbergt eine Familie: die Familie aller Menschen. Für sie suche ich zu leben – so lange es mir möglich ist.
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