Angst und Schrecken kann uns dieses Sonntagsevangelium einjagen. Wo bleibt da die Frohe Botschaft? Was sollen diese Schreckensvisionen, die Jesus in prophetischer Tradition an den Tag bringt? Weckt er damit nicht Untergangsstimmung, damals wie heute? Der Tempel von Jerusalem war der Stolz und die Freude Israels. Seine Zerstörung war für jüdische Ohren ein schrecklicher Gedanke, der beinahe dem Weltuntergang gleichkam. Dieser Ort war Wohnung Gottes bei den Menschen. Die Zerstörung des Heiligtums heißt somit: Gott hat uns verlassen.
Halten wir fest: Die ersten Leser des Lukasevangeliums haben die Zerstörung des Tempels bereits erlebt, die Ankündigung hat sich erfüllt: Kein Stein blieb auf dem anderen. Was aber hat diese Horrorbotschaft mit uns zu tun? Jesus will nicht drohen. Er macht klar, wie wackelig menschliche Sicherheiten sind. Der Boden unter den Füßen kann sehr schnell ins Wanken kommen. Unsere Welt ist eine Bestätigung dafür: Heute, wo alles mehr denn je abgesichert wird, wo in den Köpfen der Menschen alles machbar ist, herrscht größte Unsicherheit.
Was ist die Reaktion des Menschen? Alles ignorieren, sich festklammern an etwas, das sich schlussendlich als Illusion entpuppt, fragwürdigen Propheten nachrennen oder vorschnelle Lösungen treffen, die noch unsicherer machen und in eine falsche Richtung weisen. Wir brauchen uns nichts vormachen: Die Welt ist aus den Fugen geraten. Alles, was Jesus aufgreift an Zerstörung und Unfrieden, ist mehr denn je Wirklichkeit.
Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ Jesus will, dass wir wachsam in dieser Welt leben. Er will, dass wir den Kopf nicht verlieren, wenn Not und Verfolgung über uns hereinbrechen. Er will uns sagen: Bleibt ruhig und gelassen, ihr könnt euch auf mich verlassen. Damit meint er nicht tatenloses Zuschauen. Standhaft bleiben heißt, Stellung beziehen, hinstehen für die Sache Gottes. Den Verfolgern gegenüber Rede und Antwort stehen und auf die Zusage Jesu bauen: „Ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben.“ Eine solche Sicherheit kann nur im Glauben wachsen. Viele legen heute Zeugnis für Christus ab und lassen sich nicht einschüchtern. Standhaft sein ist für mich ein Zeichen echten Christseins. Das beinhaltet: Zu meinem Glauben stehen, im Glauben etwas durchstehen, die Zeichen der Zeit verstehen lernen und eingestehen, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. So wird, was Jesus in seinen Worten deutlich macht, unser Gewinn: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird ewig leben“ (Joh 11, 25).
Sr. Ermelinde Kräutler ist Pastoralassistentin der Pfarre St. Martin in Dornbirn.