Kinder sind für Anny Drexel der Schlüssel zur Entwicklung. Deshalb lautet das Ziel der Entwicklungshilfe-Gruppe Hohenems für Ndubia: „Gesunde Kinder in einer gesunden Familie.“
„Es sind so große Fortschritte, die wir in den vergangenen fünf Jahren erzielt haben“, bilanziert Anny Drechsel begeistert. Erst Anfang November ist sie von einem mehrwöchigen Aufenthalt aus Ndubia zurückgekommen. Vor elf Jahren kam die ehemalige Krankenschwester zum ersten Mal in das 30.000-Einwohner-Dorf im Osten Nigerias. Und aus dem Aufbau einer Geburtenstation, mit dem 1990 alles begonnen hatte, ist ein Projekt zur Dorfentwicklung geworden.
Entbinden lebensgefährlich
Oberstes Ziel für die Entwicklungshilfe-Gruppe aus Hohenems ist der Kampf gegen die extrem hohe Säuglingssterblichkeit. In der Igbeagu-Region stirbt jedes zweite Neugeborene während oder kurz nach der Geburt. In Österreich sind 1999 von 1000 Neugeborenen 4,4 gestorben. Und in Ndubia endet für 16 von 100 Frauen die Geburt tödlich. Bei allen 78.138 Geburten des Jahres 1999 in Österreich ist eine einzige Frau gestorben. Deshalb wurde eine Aktion gestartet, um Frauen den Weg in die 1994 eröffnete Entbindungsstation zu erleichtern. Eine Spende hatte es möglich gemacht, dass Frauen nur ein Viertel (35 Schilling) der tatsächlichen Kosten zahlen sollten. Doch die am 1. April gestartete Aktion ist auf derart großes Interesse gestoßen, dass bereits Ende Juli die bis Jahresende geplanten 250 Geburten finanziert waren. Parallel wird nun die Ausbildung von Hebammen in der Region aufgebaut. „33 Frauen, die bisher schon bei Geburten geholfen haben, sind zum ersten Kurs gekommen, der vergangene Woche begonnen hat“, berichtet Anny Drexel. Lesen und Schreiben gehört ebenfalls zur Ausbildung. Denn neun von zehn Frauen in Ndubia sind Analphabetinnen. Nichtmehr dazu zählt, wer nur den Namen schreiben kann.
Platz für Lehrlinge
Ein weiterer Erfolg ist die Aktion „Ein Bett für Kinder“. Denn im Kampf gegen Blasen- und Lungenentzündung oder Bronchitis erhalten Familien, deren Kinder am Boden schlafen, ein Bett. Gefertigt werden diese in der Tischlerei, die zur Lehrlingsausbildung dient. Und seit die Werkstätte im März 2001 in die neu errichtete Mehrzweckhalle übersiedeln konnte, wurden bereits weitere 100 Betten ausgeliefert. Ebenfalls in der Halle untergebracht sind Maurer und Schlosser sowie das Büro für die Dorfentwicklung. Zur „Mission“, wie die Bewohner das seit 1996 gewachsene Zentrum nennen, zählt die Kirche. Um sie herum entstanden acht Einfamilienhäuser sowie das Ehe- und Familienzentrum, das auch eine Schule beherbergt.Neben Geldspenden lebt das Projekt aber von der Zeit, die viele in der Gruppe unentgeltlich zur Verfügung stellen, wie Verena Böhler und Ivonne Larsen. Die beiden 24-Jährigen arbeiten als Bürokauffrau und Krankenschwester nun für acht Monate in Ndubia im ehemaligen Biafra.
HINTERGRUND
Nigeria: Welle der Gewalt
Vergangene Woche ist es neuerlich zu Zusammenstößen zwischen Christen und Moslems in Nigeria gekommen. Mindestens zehn Menschen wurden getötet. Nachdem im nördlichen Bundesstaat Kaduna die Regierung am 2. November die Einführung der Scharia bekannt gegeben hatte, war es zu den Auseinandersetzungen gekommen. Bereits vor einem Jahr führte in Kaduna die geplante Einführung der Scharia zu Ausschreitungen. Damals waren über 2000 Menschen getötet worden. Der nun vorgelegte Kompromiss sieht vor, dass Muslime künftig vor neu errichteten islamischen Gerichten zu erscheinen haben. Für Christen und Angehörige anderer Religionen sind traditionelle Gerichte zuständig. Damit wurde seit Oktober 1999 in zwölf von 36 Bundesstaaten Nigerias die Scharia ganz oder teilweise eingeführt. Erst Mitte Oktober waren im überwiegend islamischen Norden in der Stadt Kano 200 Menschen getötet worden. Zahlreiche Moscheen und Kirchen wurden zerstört. Und allein in der Stadt Jos sind seit Ende August bei Zusammenstößen über 5000 Menschen ums Leben gekommen.
Auch im christlichen Süden steigt die Gewalt: Regierungstruppen sollten die seit Wochen anhaltenden Ausschreitungen zwischen Tivs und Jukuns beenden. Doch sie verübten Ende Oktober ein Blutbad – offiziell war es Selbstverteidigung – mit 200 Toten und rund 300.000 Flüchtlingen. Nach 15 Jahren Militärdiktatur wurde im Mai 1999 Präsident Obasanjo (64) zum ersten zivilen Präsidenten an die Spitze des westafrikanischen Staates gewählt. Nigeria erlebt seitdem eine Welle der Gewalt, deren Ursache in ethnischen oder religiösen Gründen gesucht wird.