Kultur als Alternative zum „Wirtshaus“ zu etablieren – das war eine der Ideen der Arbeiterbewegung vor mehr als 100 Jahren.
Die Ausstellung „Arbeit – Mensch – Kultur“ im Bildungshaus Betriebsseminar beleuchtet die Entwicklung der Arbeiterkultur von den Anfängen (ca. 1860) bis 1950.Die sozialistische Arbeiterbewegung orientierte sich zunächst am traditionellen Kulturverständnis der begüterten Oberschicht. Der Versuch die Arbeiterschaft in die europäische „Hochkultur“ hineinwachsen zu lassen, scheiterte jedoch. Gleichzeitig versuchten sozialistische Kulturtheoretiker eine Annäherung zur „Volkskultur“ zu vermeiden. Tanz, Alkohol, kommerzielles Kino und bürgerlicher Sportbetrieb waren verpönt.
Das „Rote Wien“ entwickelte sich nach dem 1. Weltkrieg zur Hochburg der Arbeiterbewegung. Die Arbeiterbewegung dehnte ihre Tätigkeitsfelder auf alle Lebensbereiche aus. Gegen Ende der 2. Republik gab es an die 50 sozialistische Organisationen: egal, ob Briefmarkensammler/innen, Kleintierzüchter/innen, Kleingärtner/innen, Naturfreunde, Sänger/innen ... jede/r hatte ihren/seinen eigenen Verein. Mit sozialistischen Festen versuchte die Arbeiterbewegung ab 1920 die erloschene Begeisterung für sozialistische Ideale wieder anzufachen. Sprech- und Bewegungschöre standen bei diesen Festivitäten im Mittelpunkt.
Kulturtheoretiker stellten abermals fest, dass sich Arbeiterkultur nicht von oben verordnen lässt. Initiativen, die von den Arbeiter/innen selbst ausgegangen sind, erzielten jedoch große Breitenwirkung. Ein Beispiel dafür ist der von einfachen Parteimitgliedern organisierte „Arbeitersport“, den die Arbeiter/innen zunächst gegen den Willen der Gewerkschaft und der Partei durchsetzten. In Folge wird – so dokumentiert diese die kleine, aber informative Ausstellung – fast jeder Tätigkeit ein sozialistisches Motiv „aufgedrückt“. Die Schau bietet – mit Text, Bild, Plakaten, Hörbeispielen – einen Überblick über die Bereiche Sport, Festkultur, Bildung, Unterhaltung, Musik.