Es gibt Menschen, die hören Stimmen. Sie erleben das oft als drückende Last, manche auch als Talent. Das „Netzwerk Stimmenhören“ hilft – und bekam dafür einen Solidaritätspreis der Kirchenzeitung.
Bei Friederike N. hat es vor 14 Jahren begonnen. In ihrem Leben ist damals vieles durcheinander geraten. Da kamen die Stimmen. Ängstigend, bedrohend erlebte sie das damals, als sie die Stimmen richtig zu verfolgen begannen. Sie sprachen sie schuldig an ihrem Desaster. Tag und Nacht waren sie da. Friederike behielt es für sich. Bin ich verrückt? Krank? Vier Jahre lang lebte Friederike mit ihren Stimmen, ohne jemandem davon zu erzählen. Hätte Friederike gewusst, dass es gar nicht so wenige Menschen sind, die Stimmen hören, sie hätte sich früher aus der Einsamkeit gewagt.
Endlich konnte sie reden
In den Niederlanden wurde das Phänomen Stimmenhören schon seit längerem wissenschaftlich erforscht. Das Wichtigste: Am meisten hilft, wenn Betroffene über ihre Lage reden können, am besten mit Menschen, die aus eigener Erfahrung Bescheid wissen und die sie nicht für verrückt halten.In Oberösterreich haben seit 1992 Leute wie Chuk Schneider oder Dr. Marlene Weiterschan vom Verein Exit-sozial diese Arbeit aufgegriffen. Das „Netzwerk Stimmenhören“ entstand.Für Friederike N. war der 1992 gegründete Verein der Schritt aus der Isolation. Im Gespräch mit anderen baute sie neues Selbstbewusstsein auf. Sie war den Stimmen nicht mehr einfach nur ausgeliefert. Allmählich wurde sie per Du mit ihren Stimmen. Betroffenen rät sie heute: Es bricht nicht gleich alles zusammen, wenn man Stimmen hört. Und man sollte sich auch nicht scheuen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ist es eine Krankheit, ist es ein besonderes Talent? Friederike weiß die Antwort auch nicht. Von beidem ist etwas dabei. Manchmal, wenn die Stimmen zu aufdringlich werden, helfen ihr Medikamente. Sie hat gelernt, die Stimmen nicht übermächtig werden zu lassen. Auch Gutes hat sie erlebt. Die Stimmen haben Talente in ihr geweckt. Friederike hat zu malen begonnen. Ausdrucksstarke, fein strukturierte Bilder hängen an den Dachschrägen ihrer Wohnung.
Oft waren es spirituelle Fragen, mit denen sie sich mit ihren Stimmen ausgetauscht hat. Heute sind es vorwiegend Alltagsangelegenheit. Von einer Stimme gleich auf göttliche Eingebung zu schließen oder den Teufel zu vermuten, davon hält Friederike nichts. „Die Kommunikationspartner, die man da hört, sind nicht immer so hundertprozentig seriös“, meint sie heute. Wie man sich das Phänomen erklärt, ist ihr nicht mehr so wichtig. Ich selbst bin es, die den Stimmen ihre Bedeutung gibt oder nimmt, meint sie. Jeden zweiten Mittwoch im Monat trifft sich im Klub Eulenspiegel in Linz Urfahr eine Selbsthilfegruppe von Stimmen-Hörenden. Exit-sozial-Mitarbeiter/innen begleiten die Gruppe dabei. Dort findet man Gehör. Beratung ist ein Hauptziel des „Netzwerkes Stimmenhören“.
„Hätte ich früher davon gewusst, ich hätte mir viel Leid erspart“, meint Friederike N. Die Gruppe hilft ihr wirklich. Mit Leuten, die sie nicht sehr gut kennt, spricht sie bis heute nicht darüber, an ihrem Arbeitsplatz ebenso nicht. Auch Angehörige Betroffener können sich bei Netzwerk melden. Dort finden sie Kontakt mit Professionisten – Ärzten und Sozialarbeitern. Kursangebote, Workshops und die gute Information über das Internet gehören ebenso zu dem, was das „Netzwerk Stimmenhören“ in Oberösterreich aufgebaut hat.
Das Phänomen Stimmenhören
Medizinisch gesehen wird „Stimmenhören“ von manchen Ärzten als ein Symptom von Schizophrenie gedeutet, andere sehen darin ein Phänomen, das etwa nach schweren Schock-Erlebnissen auftritt, z. B. nach Missbrauch oder Folter. Marlene Weiterschan vom Verein Exit-sozial in Linz kennt auch Fälle, wo das Phänomen im Zusammenhang mit besonders extremem Fasten oder des Rückzugs von der Welt auftritt. Sie bringt das Leben von Heiligen damit in Zusammenhang, die ihre Eingebungen gerade in Phasen des Fastens gehabt haben.
KONTAKT: „Netzwerk Stimmenhören“ wird vom Verein Exit-sozial unterstützt. Diesem ist die Betreuung von Menschen mit besonderen psychischen Belastungen ein spezielles Anliegen, auch die Nachbetreuung nach Klinik-Aufenthalten psychisch Kranker.
Jeden zweiten Mittwoch im Monat können sich Stimmenhörende in der Selbsthilfegruppe im „Klub Eulenspiegel“ treffen (Linz-Urfahr, Kreuzstraße 4, Tel. 0732/73 70 53).Der Verein bietet auch Beratung für Betroffene und Angehörige an: Exit-sozial, Hauptstraße 33/5,4040 Linz, Tel. 0732/73 70 52.