Können Sie am Ende des Evangeliumstextes Christus für das zuvor Gehörte wirklich loben und dankbar die Frohe Botschaft annehmen? Beginnt unser neues Kirchenjahr nicht vielmehr mit einer Drohbotschaft? Handelt es sich hier nicht um eine moralische Aufforderung, die von uns in entsprechend drastischen Bildern ein rechtmäßiges Leben verlangt? Da sperrt sich etwas in mir, dieses Evangelium als Frohe Botschaft zu verstehen. Vielleicht hilft zum Verstehen des Textes die Frage nach den Umständen, unter denen er geschrieben wurde.
Das Matthäusevangelium ist geprägt durch die Auseinandersetzung mit dem Judentum zur Zeit Jesu. Matthäus schreibt sein Evangelium für eine Gemeinde, in der sowohl jüdische als auch griechische und römische Christinnen und Christen lebten. Er geht davon aus, dass die Geschichte Israels mit Jesus ans Ziel gelangt ist. Jesus ist nicht nur der von Mose verheißene Prophet, er ist Gottes Sohn. Mit Jesus hat sich zunächst für das Volk Israel und dann für alle Völker, die sich an Jesu Botschaft orientieren, eine neue Lebensmöglichkeit aufgetan.
Das Himmelreich ist da!“ – Diese Zusagen in die Tat umzusetzen, treibt Matthäus zur Forderung, einen großen Wert auf den gelebten Glauben und eine christliche Praxis zu legen. Diese Ethik ist aber keine ausschließliche Leistungsethik, vielmehr liegt ihr das Geschenk des Angenommenseins einer und eines jeden zugrunde. Erst diese Erfahrung ermöglicht uns, wachsam und aufmerksam zu sein für unsere Mitmenschen und für Gott, für unsere Aufgaben sowie für Freud und Leid, das uns umgibt.
Auf diesem Hintergrund ist der Aufruf zur Wachsamkeit im heutigen Evangelium zu verstehen. Der Vergleich mit der Generation Noachs betont dabei nicht deren Sündhaftigkeit, sondern vielmehr ihre Unbekümmertheit. Sie aßen, tranken und heirateten, lebten also sorglos vor sich hin, bis die große Flut hereinbrach. Wenn berichtet wird, dass von zweien nur eine oder einer „mitgenommen“ und gerettet wird, ist das nicht im Sinne einer Vorhersage zu verstehen, dass die Hälfte der Menschen in jedem Fall vom Heil ausgeschlossen wären. Es handelt sich vielmehr um einen Weckruf, hellhörig bzw. hellsichtig zu sein für die Zeichen der Zeit.
Diesen Aufruf zur Wachsamkeit sehe ich als Aufforderung und Richtungsweiser für mein Leben, hier und jetzt. Er ist für mich Herausforderung und Stachel, der mein oft sehr bequemes und zur Routine gewordenes christliches Leben in Frage stellt. Die Wochen dieses Advents sind eine Möglichkeit, dies wieder neu zuzulassen und auszuhalten.
Maria Eicher ist Pastoralassistentin der Stadtpfarre Traun und lebt in Leonding/OÖ.