Schätzungen zufolge sind fünf Millionen Südafrikaner mit dem Aids-Virus infiziert. „Das ist aber nur die Spitze des Eisberges“, sagt Sr. Regina Bachmann anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember. In Mariannhill bei Durban leitet sie das einzige Krankenhaus für 750.000 Menschen.
Unablässig tickt die Aids-Uhr. Anfang dieser Woche hatten sich laut UN-Schätzung 40,63 Millionen Menschen weltweit mit der tödlichen Immunschwäche angesteckt. Und von 100 HIV-Infizierten weltweit leben 13 in Südafrika. „Doch das ist nur die Spitze des Eisberges“, sagt Sr. Regina Bachmann. Die Ordensfrau aus Vorarlberg, die seit 41 Jahren in Südafrika lebt, misstraut der offiziellen Zahl von fünf Millionen. „In Wahrheit sind das weit mehr. Denn eine Statistik, wer an Aids stirbt, gibt es nicht. Also kann auch niemand sagen, wie viele daran erkrankt sind.“ Unbestritten jedoch ist: der Großraum Durban, wo das von Sr. Regina Bachmann geleitete St. Mary’s Hospital das einzige öffentliche Krankenhaus ist, gilt als Region mit der höchsten Aids-Rate weltweit.
Mythos „Jungfrau“
Im Krankenhaus zu beobachten ist, dass immer mehr junge Mädchen als Folge einer Vergewaltigung an Aids sterben. „Es gibt den Mythos“, berichtet Sr. Regina, „wenn man mit einer Jungfrau Sexualverkehr hat, dann wird das Virus verdünnt oder man wird gar von Aids geheilt.“ Eine Entwicklung, mit der sie im Krankenhaus täglich konfrontiert ist, der aber die südafrikanische Regierung tatenlos zusieht: „Für mich zählt das zum Schrecklichsten. Vierjährige, die im letzten Stadium der Krankheit zu uns gebracht werden. Es ist fürchterlich mit ansehen zu müssen, was diese Kinder erleiden. Sie sind schon lange tot, bevor sie sterben.“ In allen Fällen sei auszuschließen, so die Missionsschwester, dass die Infektion bei der Geburt erfolgte. „Und die Jungfrauen werden immer jünger“, klagt Sr. Regina an.Zwar hat die Regierung in Pretoria im Mai im Streit um billigere Aids-Medikamente einen Teilsieg gegen Pharmariesen erzielt. Doch sollten die gängigsten Präparate nun auch tatsächlich um das 15-fache billiger werden, „bei uns kann sich auch das niemand leisten“, sagt Sr. Regina. Sie fordert vielmehr von der Regierung, in Aufklärung zu investieren, vor allem aber in den Kampf gegen Vergewaltigung. Denn in Südafrika kommt es laut Interpol-Statistik weltweit zu den meisten Vergewaltigungen. Und wo intensiv aufgeklärt werde, wie in Uganda beispielsweise, gehe die Aids-Rate auch zurück, meint Bachmann.
Ein ethischer Alptraum
„Das Haus brennt lichterloh“, urteilt die Wernberger-Schwester über die Situation in Südafrika angesichts der Aids-Epidemie. Und als „ethischen Alptraum“ bezeichnet Sr. Regina die Arbeit in der Krankenhausaufnahme. „Wenn nur ein Bett zur Verfügung steht aber fünf akute Notfälle kommen – wer darf bleiben?“ Im St. Mary’s sind die Mitarbeiterinnen vielfach deprimiert. Unter ihnen breite sich immer mehr das Gefühl aus, dass „wir nur mehr für den Friedhof pflegen“. Dabei wird selbst das Sterben im 250-Betten-Krankenhaus zum finanziellen Problem: Bis zu fünf Personen sterben hier täglich. Doch nicht alle werden auch von den Angehörigen abgeholt. Über zehn Leichen sind es jeden Monat, für deren Einäscherung das Krankenhaus zu sorgen hat.
Alltägliche Folgen
Neben der beruflichen Belastung ist das Krankenhauspersonal meist auch privat mit den Folgen der Epidemie konfrontiert. Die Ordensfrau erinnert sich an Fälle, wo die Mitarbeiterin über die familiäre Situation klagte: „Weil beide ihrer Schwestern innerhalb von drei Wochen gestorben sind, hatte sie statt einem plötzlich sieben Kinder. Und der Mann sieht das nicht gern, weil diese aus der Familie der Ehefrau kommen.“ Als die schon betagte Mutter einer Beraterin starb, meinte sie: „Mutter hat noch Glück gehabt. Sie hat uns, die wir sie beerdigen. Wir werden niemanden mehr haben. Denn unsere Kinder werden uns noch alle wegsterben.“ Tatsächlich, nicht selten ist der Anblick, schildert Sr. Regina, „wie eine Mutter ihr todgeweihtes Kind auf dem Rücken zu uns trägt.“Aber auch ein positives Zeichen entdeckt Sr. Regina Bachmann in dieser schwer zu ertragenden Situation: „In den letzten Jahren ist es uns gelungen, die Pflege von Aids-Patienten in ihren eigenen vier Wänden zu verbessern. Bereits über 100 Freiwillige sind dafür ausgebildet. Mit den einfachsten Mitteln versuchen sie das Beste zu tun. Was sie leisten, ist wirklich zu bewundern!“