Die Wirtschaft kürt die „Frau des Jahres“. Powerfrauen nennt man den Typ. Maria – die wohl bekannteste Frau der Geschichte – ist nicht dabei.
Ohne Erbsünde empfangen, Jungfrau und Gottesmutter. So beschreibt die katholische Kirche mit lehramtlichem Nachdruck Maria. Ihre Zeitgenossen wussten von all dem nichts. Selbstverständlich lebte sie in ihrer Mitte, mit Josef und mit ihrem Sohn. Sogar von Brüdern Jesu ist die Rede – doch man ist sich nicht sicher, wie das zu verstehen wäre. Die Außergewöhnlichkeit Marias war nicht augenfällig. Niemand schöpfte Verdacht. Weder ihre „Jungfrauschaft“ wurde zur Sprache gebracht, noch bildete sie sich selbst auf Gottesmutterschaft etwas ein. Sie bewahrte alles bei sich im Herzen, heißt es.Powerfrau war sie keine. Sie legte keinen Wert auf durchschlagkräftiges Auftreten – und Seminare, bei denen man sich diese Powerqualitäten antrainieren konnte, gab es zu jenen Zeiten noch nicht. Eher das Gegenteil trifft zu: Maria zog wiederholt den Kürzeren. Eine Auseinandersetzung mit Jesus ist überliefert. Er ließ sie stehen, meldete sich nicht einmal ab, als er den Disput mit Tempelgelehrten dem familiären Beisammensein vorzog. Doch bei jener anderen Sache mit dem Wein, der ausgegangen war, da ließ sie nicht locker. Ihr Sinn fürs Menschliche! Eine Hochzeit ohne Wein, was wäre das schon?
Die Tradition hat viele Namen gefunden: Königin nennt man sie, Meerstern, Lilie ohnegleichen und vieles mehr. Mit den schönsten Worten darf man sie preisen, denn diese Wörter sollen gerade die Schlichtheit dieser Frau auszeichnen und veredeln. Sie musste nicht Powerfrau werden, um sich dem Leben zu stellen. Was die Bibel von ihr erzählt, sind nicht Auftritte, sondern Begegnungen. Nicht auf den Bühnen, sondern im Leben war sie zu Hause. Madonna als Pop-Ikone? Das überließ sie anderen! Maria – die von Gott Geliebte. Darin besteht die Größe dieser Frau aus Nazareth. Die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen – bei Maria hat sie Antwort gefunden. Mit jedem Menschen hat Gott dies vor. Matthäus Fellinger