UCESM-Präsident Lecea: Brücken zu den jungen Menschen verbessern
Ausgabe: 2001/49, Lecea, UCESM, Achleitner, Arme, Europa, EU
05.12.2001
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Vergangene Woche trafen sich 100 Ordensobere aus 23 Ländern in Salzburg. „Unsere Mission ist es, Zeugen der Hoffnung zu sein“, sagt P. Jesus Maria Lecea, Präsident von 365.000 Ordensleuten in Europa. Die Kirchenzeitung sprach mit dem spanischen Piaristenpater über Krise und Zukunft des Ordenslebens.
P. Lecea, als Präsident der Union der Frauen- und Männerorden, wie beurteilen Sie die Situation des Ordenslebens in Europa?
Lecea: Seit meiner Wahl im Dezember 1999 hatte ich Gelegenheit, das Ordensleben in Europa näher kennen zu lernen. Ich sehe die Entwicklung durchaus positiv. Wir leben in einer Krise, was unsere Zahl an Mitgliedern und deren Alter betrifft. Das wird noch zu Schwierigkeiten führen, beispielsweise in Schulen oder Krankenhäusern, die derzeit noch von Orden oder Kongregationen getragen werden. Doch das ist keine Krise des Ordenslebens an sich. Denn in den vergangenen Jahren sind Ordensfrauen und -männer verstärkt unter Armen und an den Rand Gedrängten tätig. Das hat unserem Leben in Europa eine tiefere Qualität gegeben, das Zeugnis ist authentischer geworden.
Wie sehr beeinflussen rückläufige Mitgliederzahlen das Klima in den Ordensgemeinschaften?
Lecea: Zunächst muss man einmal unterscheiden zwischen West- und Osteuropa. Im Westen gibt es stark rückläufige Zahlen, im Osten hingegen nimmt die Zahl der Berufungen zu. War bisher im Westen darüber vor allem Sorge zu spüren, so beobachte ich nun eine Veränderung: das Gefühl der Angst ist in ein Gefühl der Hoffnung gewechselt. Wir sehen heute der Zukunft gelassener und sehr viel positiver entgegen. Und vieles von dem, was Schwestern und Brüder einmal getan haben, wird heute von der zivilen Gesellschaft wahrgenommen. Aber deshalb sind wir Ordensleute heute nicht weniger aktiv. Wir sind ein Zeichen der evangelischen Werte in unserer Gesellschaft.
Heißt das, es ist Zeit der Orden, sich wieder auf die prophetische Aufgabe zu besinnen?
Lecea: Jede Generation hat ihren prophetischen Auftrag. Und für uns Ordensleute ist die prophetische Stimme sehr wichtig. Das ist auch Thema der 10. Generalversammlung hier in Salzburg: Wie wirken wir prophetisch in Europa? Unser Kontinent ist heute multikulturell geprägt, aber auch sehr multireligiös. Und da sind Ordensfrauen und -männer in vielfältigsten Bereichen aktiv. Ich möchte dabei nur auf die Situation der Migranten verweisen. Damit verbunden ist der Dialog mit den nichtchristlichen Religionen. Unsere prophetische Stimme ist geprägt durch unser tägliches Zeugnis – durch den geschwisterlichen Weg und den Dienst für die Armen in Europa.
Kommen Terror und Krieg in Afghanistan bei ihrem Treffen ebenfalls zur Sprache?
Lecea: Natürlich, die Anschläge vom 11. September und die Antwort darauf bilden sozusagen den Hintergrund unserer Arbeit. Denn Europas Ordensleute haben der Gesellschaft einiges anzubieten: Ich denke wir verfügen über Erfahrungen bei der Suche nach Wegen des Dialoges. Der Friede geht nicht unmittelbar hervor aus dem Sieg des einen über den anderen. Er entsteht aus der Suche nach Gerechtigkeit. Friede hängt also davon ab, wie das Recht eines jeden Einzelnen in unserer Welt respektiert wird.
Gelten diese Angebote an Erfahrungen auch für den Dialog mit dem Islam?
Lecea: In vielen Aufgaben, die Ordensleute in Europa heute wahrnehmen, ist der interreligiöse Dialog sozusagen die Basis: der direkte Kontakt, in dem wir beispielsweise in Spanien schon seit langem mit Migranten stehen. Diese armen Leute verstehen den Dienst der Ordensleute als Antwort auf ihre Leiden besser als viele große Worte. Er dient dazu, Brücken zu schlagen.
Die Zukunft der Ordensgemeinschaften in Europa: Welche Erwartungen haben Sie?
Lecea: Auch wenn es immer wieder heißt, dass wir weniger werden: Unsere Situation ist nicht dramatisch. Die Zukunft hängt vor allem davon ab, wie uns die Brücken zu den jungen Generationen gelingen. Was können wir ihnen Positives anbieten. Das Grundlegende am Ordenslebens sind die Ehelosigkeit und Armut, der Gehorsam, das Gemeinschaftsleben und unsere Mission. Wir dürfen dies nicht nur als Worte übermitteln, sondern wir müssen sie noch viel positiver prägen. Wir sind das lebendige Zeugnis für die jungen Generationen: der Freude, der Hoffnung, des Vertrauens in die Zukunft. Wie schon gesagt: wir werden weniger werden als jetzt, aber unser stärkstes Gefühl während der Begegnung hier in Salzburg ist, dass wir der Zukunft mit großer Hoffnung entgegengehen.
Interview: Walter Achleitner
Stichwort: UCESM
Die UCESM (Unio Conferentiarum Europae SuperiorumMaiorum) ist der Dachverband europäischer Ordensoberer. Dieser Konferenz gehören die Vereinigungen von Frauen- und Männerorden aus 23 Ländern an. Sie vertreten zusammen rund 365.000 Ordensleute von Albanien über Irland bis Ungarn. 1981 gegründet, zählt es zu den Hauptanliegen der Union, die Zusammenarbeit der Orden in Europa zu fördern. Neben der Pflege ökumenischer Kontakte gehört es zu ihren Aufgaben, für die Interessen der Ordensleute bei den europäischen Institutionen einzutreten. Dafür wurde in Brüssel ein Büro eingerichtet. Alle zwei Jahre, wie vergangene Woche in Salzburg, treffen sich die gewählten Vertreter/-innen zu einer mehrtägigen Generalversammlung. In Vorbereitung ist ein „Ausbildungsweg“ für junge Ordensleute quer durch den Kontinent: „Gemeinsam Europa entgegengehen“ startet im Juli 2002 in Prag.