Die Bereitschaft, für Gottes Lohn zu arbeiten, veränderte sich in den letzten Jahren gewaltig. Die Pfarrgemeinden müssen sich darauf einstellen.
„Wir kommen uns manchmal vor wie der ,ältere Bruder‘ im Gleichnis vom barmherzigen Vater“, erzählten verdiente Mitarbeiter bei einer Pfarrgemeinderatsklausur. „Wenn eine Gruppe einmal einen Flohmarkt organisiert oder eine Messe musikalisch gestaltet, bekommt sie gleich ein dickes Lob für so viel Engagement. Unsere Arbeit wird aber als ganz selbstverständlich betrachtet.“ Für Josef Weichselbaumer, der sich im Linzer Pastoralamt viel mit Gemeindeentwicklung beschäftigt, hat diese „Klage“ nicht nur etwas mit der „Dankkultur“ in den Pfarren zu tun. „Dahinter steckt ein neue, einschneidende Entwicklung, mit der Pfarrgemeinderäte erst umgehen lernen müssen. Sie wird vieles, was wir bisher gewohnt waren, wie zum Beispiel verlässlich und kontinuierlich arbeitende PGR-Fachausschüsse, in Frage stellen.“ In den letzten Jahren, so Weichselbaumer, habe sich die Einstellung der Menschen zur ehrenamtlichen Arbeit sehr stark verändert.
Selbst bestimmen
Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, sei nach wie vor hoch. Etwa 75 Prozent der Menschen halten es – auch für sich – für sinnvoll und notwendig, um „Gottes Lohn“ für die Gemeinschaft etwas zu tun. Aber die Einstellung, wie dieses Engagement ausschauen soll, habe sich gewandelt, betont Weichselbaumer: von der Bereitschaft, sich einem Verein, einer Organisation oder einer Pfarre „zur Mitarbeit zur Verfügung zu stellen, dort, wo man eben gebraucht wird“, hin zu einer Haltung, wo der/die Ehrenamtliche selber festlegt, warum er/sie wo, was und für wie lange tut. Für das Leben von Institutionen habe dieses „selbstbestimmte Engagement“ massive Auswirkungen, meint Weichselbaumer. So werde es für Pfarren schwieriger, Menschen zu finden, die bereit sind, fünf Jahre lang im Pfarrgemeiderat oder den Fachausschüssen durchzudienen. Gleichzeitig aber gebe es viele Leute, die durchaus zu haben sind, wenn es um ganz bestimmte Dienste (Krankenbesuch, Trauerbeleitung u. a.) oder zeitlich begrenzte Projekte geht. „Wir werden in Zukunft beide Gruppen brauchen“, betont Weichselbaumer. „Es geht nicht ohne die Systemerhalter, die bereit sind, das laufende Alltagsgeschäfte zu erledigen und die seelsorglichen und sozialen Gesamtnotwendigkeiten im Blick zu behalten. Diese klassische Pfarrge- meinderatsarbeit, die heute vielen wenig attraktiv erscheint, ist die Voraussetzung dafür, dass die Arbeit in Projekten wachsen kann und entsprechend begleitet und koordiniert wird.“
Manager & Co
Denn eines ist für Weichselbaumer klar: „Wenn die Pfarren die vorhandene ehrenamtliche Bereitschaft ausschöpfen wollen, dann müssen sie verstärkt dazu übergehen, ihre pastorale und soziale Arbeit in klar umrissene Projekte zu verpacken. Es wird in Zukunft in vielen Pfarren nicht mehr einen Liturgiekreis oder einen Kirchenchor geben, die von Weihnachten bis Christkönig alles gestalten. Das werden dann verschiedene Gruppen übernehmen“, meint Weichselbaumer. Das neue Ehrenamtsverständnis erfordere auch eine neue Arbeitsweise in den Pfarrgemeinderäten. „Wenn viel in – oft kurzfristigen – Projekten gearbeitet wird, dann braucht man eine Pfarrleitung mit hohen Managementqualitäten“, betont Weichselbaumer. Ein Teil des PGR werde diese Aufgabe zusammen mit Hauptamtlichen wahrnehmen müssen. Eine andere Gruppe wird sich als „klassische Mitarbeiter“ im bisherigen Sinn um die laufende Alltagsarbeit kümmern. Und schließlich soll es im PGR auch die „Volksvertreter“ geben, die sich vor allem als Stimme der Leute verstehen. Wichtig scheine ihm, so Weichselbaumer, „dass man die unterschiedlichen Aufgaben dieser drei Gruppen innerhalb des Pfarrgemeinderates stärker profiliert und ihr – mitunter auch konfliktträchtiges– Zusammenspiel als gleichwertige Partner fördert.“
IM BLICKPUNKT: Pfarre mit 39 aktiven Teams
Der 5. Dezember ist der „Tag des Ehrenamtes“. Damit soll die Freiwilligenarbeit aufgewertet werden. In der Kirche sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen längst zu wichtigen Trägern der Seelsorge und der sozialen Arbeit geworden. 28 Prozent der Kirchgänger arbeiten in ihren Pfarren regelmäßig ehrenamtlich mit, sagt eine Linzer Er- hebung. In einer durchschnittlichen burgenländischen Pfarre – so eine neue Studie – werden jährlich 8500 Stunden um „Gottes Lohn“ gearbeitet. In kleinen Gemeinden lassen sich 10,6 Prozent der Katholiken regelmäßig von der Pfarre einspannen, in den Städten sind das auch noch 3,4 Prozent.
In der Pfarre Altach in Vorarlberg gibt es 39 verschiedene Teams und Arbeitskreise, die sich um Liturgie und Sakramente, um Feste und Geselligkeit, um die Jugendarbeit und Krankenbesuche kümmern. Die zahlreichen Möglichkeiten des Engagements mache es den Leuten leichter, je nach Zeit und Interesse wo mitzutun, meint Pfarrer Oberhauser. Die große Schar Freiwilliger führt er aber auch darauf zurück, „dass bei uns die Jugendarbeit immer groß geschrieben war. So sind viele in Reichweite der Pfarre gekommen.“ Etwa die Hälfte der Arbeitskreise sei auf Initiative der Leute entstanden, die andere Hälfte auf Betreiben des Pfarrgemeinderates. „Wichtig ist“, so Pfarrer Oberhauser, „dass man die Teams am Anfang ermuntert und begleitet und dass man schaut, dass sie bald auf eigenen Beinen stehen.“ Im Pfarrgemeinderat fließen die Informationen zusammen, hier werden die Grobplanung für das Jahr gemacht und die pastoralen Ziele erarbeitet. Die Drehscheibe für die Teams ist das Pfarrbüro.