Dass Jugendliche das Gefühl haben: „Man braucht uns nicht“, will P. Georg Sporschill SJ nicht einfach hinnehmen. Die Kirche muss sich um die Not der Jugend annehmen. In Österreich genauso wie in Rumänien oder Moldawien.
KirchenZeitung: Sie sind Jesuit – ein Orden den man eher mit Wissenschaft verbindet. Sie haben sich für Sozialarbeit entschieden. Warum?
P. Georg Sporschill: Ich habe mich immer mit Jugend und sozialen Themen beschäftigt. Von unserer Ordensgründung her sollen wir dort hingehen, wo die Not am größten ist. Und wenn das die Jugend in der Wohlstandsgesellschaft ist, dann muss man dort hingehen. Und wenn in Rumänien die Straßenkinder auf der Straße sind, dann muss man dort hingehen. Ignatius wollte, dass die Jesuiten immer dort sind, wo Brandherde zu löschen sind. Ich mache jetzt diese Initiative „Concordia 72“ in Österreich, weil ich halt glaube, dass die Kirche unglaublich schwach geworden ist im Bereich Jugend. Da sehe ich eine Not.
Was sind für Sie die Nöte der Jugend? Es melden sich bei mir sehr viele, die nach Rumänien oder Moldawien in den Sozialeinsatz wollen. Ist das nicht traurig, wenn die österreichischen Jugendlichen sagen: „In Österreich braucht man mich nicht“? Das finde ich tragisch. Und das führt dann zur Sinnlosigkeit, zum Komasaufen und allem Möglichen. Wenn wir uns nur mit uns selber beschäftigen, statt dass wir den Jugendlichen signalisieren, wo sie gebraucht werden, dann interessiert das keinen Menschen.
Mit „Concordia 72“ wollen Sie Jugendliche motivieren, dass sie sich sozial engagieren. So ist es. Dass sie erfinderisch und aktiv werden, und zwar auch in Österreich.
Da geht es um unbezahltes Engagement. Jugendliche brauchen aber auch Arbeit. Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, haben genauso die Arbeitslosen. Das ist für mich eine ganz große Not, gegen die man kämpfen muss. Außerdem gibt es genügend Probleme, wo man sie wirklich braucht, auch bei uns. Wenn ich arbeitslos bin, aber wenigstens spüre: Ich bin gebraucht und gewollt, dann werde ich mit der Arbeitslosigkeit eher fertig und wieder rausfinden, als wenn alle signalisieren: Ich brauch dich nicht. Man muss den Leuten Mut machen. Wenn die Kirche ständig mit sich selbst beschäftigt ist, statt Brücken zu bauen zwischen denen, die sich einsetzen wollen, und denen, die in Not sind, interessiert sich niemand mehr.
Wie gelingt es Ihnen, auch „schwierige“ Jugendliche zu motivieren? Ich weiß es auch nicht. Diesen Samstag (14. März) kommen 120 Jugendliche nach Wien , die in Rumänien auf der Straße waren. Sie zeigen: Wenn wir es es geschafft haben, dann werdet ihr es zehnmal leichter schaffen. Von denen geht eine Kraft aus. Wie es passiert, das weiß ich nicht. Ich tue mich mit Straßenkindern viel leichter als mit Wohlstandskindern.
Inwiefern? Die Straßenkinder laufen einem nach und sagen, bitte hilf mir, ich brauche was zum Schlafen, was zum Essen, einen Job. Und dann hören sie nicht mehr auf, Gott zu danken und zu beten. Bei uns hat jeder einen Kalender und ist scheinbar satt. Der spirituelle und der menschliche Hunger sind halt verdeckt durch viel Wohlstand. Unser Problem in Österreich ist viel schwieriger als das in Rumänien.
Sie wollen jetzt 72 junge Leute finden, die initiativ werden. Ja, jeder von den 72 muss immer zuerst einen Zweiten finden. Das muss man einmal können, auf jemanden zuzugehen und zu sagen: Mach mit mir eine Aktion. Das ist der erste Schritt, den man lernen muss: einen Zweiten zu finden. Da kann man aus dem eigenen Ich heraus. Mit dem Zweiten muss er ein positives Ziel ins Auge fassen. So entsteht eine positive Dynamik.
Jugend und Kirche – wie können sie heute zusammenfinden? Wir müssen nichts anderes, als mit der Jugend ins Gespräch kommen. Und nicht predigen und ihnen nicht humane Dinge um die Ohren hauen, wo sie nicht gefragt haben.
Orden wie Ihrer haben ja auch das Problem. Sehen Sie das eher gelassen? Nein, gelassen bin ich überhaupt nicht. Aber ich habe keine Lösung. Natürlich müssen die Orden sich selber fragen: Warum tritt bei uns niemand ein? Vielleicht sind wir so verbürgerlicht, dass wir gar kein Orden mehr sind, und dann kann ich nur sagen: Gott sei Dank tritt da niemand ein. Orden haben ein Charisma. Aber vielleicht ist dieses auch einmal erledigt. Wenn Jesuiten sagen: Wir gehen dorthin, wo die Not am größten ist“, aber sie sitzen alle in ihrem warmen Zimmer, dann sollen sie sich nicht wundern, wenn keiner eintritt. Irgendwo muss es noch ehrlicher werden, und die Kommunikation muss normal werden, dann wird schon eine Bewegung hineinkommen.
Zum Thema
P. Georg Sporschill
P. Georg Sporschill ist Jesuit. Er arbeitete in Wien mit Odachlosen, ehe er 1991 in Rumänien, später auch in Moldawien, ein Netz für Straßenkinder aufbaute. Am 14. März startete er im Wiener Stephansdom die Aktion „Concordia 72“. Jugendliche sollten dabei motiviert werden, Aufgaben zu übernehmen, und so selbst Halt finden.
Zu Gast in Linz. Am Mittwoch , 25. März, ist P. Georg Sporschill in Linz Gast der oö Ordensspitäler. Bei einem Film, einem Referat und in einer Diskussion geht es um das Thema „Auf die Welt und auf die Not schauen“.
- Mi., 25. März, 15 bis 17 Uhr, im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern, Seilerstätte 4. Linz. Eintritt frei. Anmeldung bis 23. März, 17 Uhr: Tel. 0732/66 10 81-10 (Rieger), oder info@okh.at